Thomas Hengelbrock steht an der Wand © picture alliance/Roland Weihrauch/dpa Foto: Roland Weihrauch

Hengelbrock: "Es gibt viele Leute, die Antidepressiva nehmen"

Stand: 19.11.2020 14:49 Uhr

Der Chef des Freiburger Balthasar-Neumann-Chors und -Ensembles, Thomas Hengelbrock, schildert die Corona-Situation aus seiner Sicht.

Auch dem Freiburger Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble geht es in der Corona-Zeit schlecht. Diese Woche musste der Chef, Thomas Hengelbrock, sogar ein Streaming-Projekt mit den Münchner Philharmonikern absagen, um sich voll und ganz der Rettung der Ensembles zu widmen. Ein Situationsgespräch.

NDR Kultur: Wie dramatisch ist die Situation für Chor und Ensemble?

Thomas Hengelbrock: Die Situation ist in zweierlei Hinsicht für die freiberuflichen Musiker dramatisch. Einmal in finanzieller Hinsicht: Dem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble sind seit März so gut wie alle Konzerte und mehrere Opernaufführungen weggebrochen. Es gab so gut wie keine Ausfallhonorare. Das geht in Richtung zwei Millionen Euro, was meine 80 Musiker irgendwie seit März in den Wind schreiben konnten. Und zum anderen: Es ist auch diese psychologische Situation. So wurde gleich am Anfang gesagt: Chorsingen ist ganz, ganz gefährlich. Das geht überhaupt nicht.

Wir haben seit Juli ein sehr gutes Sicherheitskonzept vorgelegt und wir haben auch relativ viele Konzerte mit Hilfe von Sponsoren gegeben, weil sich diese Konzerte natürlich nicht mit 200 Zuschauern tragen. Aber die Situation hat sich jetzt nochmal mit dem erneuten Lockdown im November verschärft.

Und wenn Sie jetzt im persönlichen Gespräch mit den Musikerinnen und Musikern sind, was berichten die?

Hengelbrock: Man muss ja sehr klar unterscheiden zwischen den Musikern, die jetzt nach wie vor festangestellt sind und ihr Geld bekommen, ich bin viel in Kontakt mit ehemaligen Kollegen in Hamburg, München, Berlin und Wien, da ist die Situation natürlich auch ausgesprochen unbefriedigend. Aber die Leute bekommen wenigstens ihr Geld. Und in der freien Szene, da sind doch in den letzten Monaten alle Dämme gebrochen.

Es gibt viele Leute, die mich anrufen, die Antidepressiva nehmen, die wirklich richtig verzweifelt sind. Und wir dürfen nicht vergessen, auch beim Balthasar-Neumann-Chor: Das sind doch herausragende Künstler die irgendwie 2.500 bis 3.000 Euro im Monat verdient haben, sich mit ihren kleinen Familien darauf auch gut eingestellt haben. Und die sollen jetzt von 800 bis 1.000 Euro im Monat leben - das funktioniert alles vorn bis hinten nicht.

Was haben Sie denn bislang probiert, an Förderung zu beantragen und was ist an Unterstützung angekommen?

Wir haben eine einmalige Hilfe von 500 Euro pro Person für ausgefallene Konzerte in Hamburg bekommen - von der Elbphilharmonie. Das waren die Ersten und leider dann auch ab April die Einzigen, die Ausfallhonorare bezahlt haben. Dann haben wir beim Schleswig-Holstein Musik Festival ein Ersatzkonzert angeboten bekommen. Wir haben einen Ersatzprojekt in Aix-en-Provence gemacht. Und ansonsten haben wir natürlich Hilfsgelder beantragt.

Aber für ein international operierendes Ensemble - wir sind ja ein wirklich europäisches Ensemble, die Musiker kommen aus 25 verschiedenen Ländern - sind bis jetzt alle Zuschussanträge abgelehnt worden. Eine Frau Grütters schrieb mir sogar persönlich, dass für Chöre keine Förderung vorgesehen ist.

Was sind jetzt die weiteren Schritte? Wie wollen Sie weitermachen, haben Sie Ideen, was man tun kann?

Wir haben ganz viele Ideen, wir sind ja auch keine Hasardeure. Wir finden, dass man durchaus auch einschneidende Maßnahmen ergreifen muss, um diese Pandemie in den Griff zu bekommen. Man muss auch natürlich die Bevölkerung vor weiteren Ansteckung schützen. Und ich darf sagen, dass ich von Anfang an auch in Zusammenarbeit mit der Berliner Charité und mit Verantwortlichen der Fußball-Bundesliga im April Sicherheitskonzepte entwickelt habe, die ein absolut sicheres Musizieren auf der Bühne, übrigens auch ohne Sicherheitsabstände, ermöglicht: mit ganz intensiver Testung, mit Quarantäne, auch mit ganz strikten Verhaltensregeln. Also das Musizieren ist möglich.

Und ich finde, daran gibt es ja auch gar keinen Zweifel, wenn man jetzt zum Beispiel nach Madrid schaut: Ein weitgehend normaler Konzert- und Opernbetrieb ist möglich. Ich habe gerade mit Joan Matabosch, dem Intendanten der Oper in Madrid, telefoniert. Da läuft seit Juni das Programm voll durch, und es gab keinen einzigen Ansteckungsfall im Bereich der Oper - auch im Auditorio Nacional.

Die machen alle tolle Konzerte, und sie wissen, dass Madrid ein Corona-Hotspot war. Das war ganz schlimm. Sie sind jetzt wieder in einer sehr guten Situation. Und die Oper und der Kulturbetrieb ist die ganze Zeit weitergelaufen. Und das sind eben auch meine Forderungen an die Politik, dass man da auch ein bisschen differenzierter vorgeht.

Das Gespräch führte Charlotte Oelschlegel.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 19.11.2020 | 15:20 Uhr

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