Stand: 13.05.2020 08:43 Uhr

Sopranistin Anja Scherg über ihre Corona-Infektion

Viele freiberufliche Sängerinnen und Sänger trifft die Corona-Krise besonders hart - weil Ihnen mitten in der Hauptsaison der Passionszeit plötzlich alle Einnahmen weggebrochen sind. Die Münchner Sopranistin Anja Scherg hat es besonders heftig erwischt, sie hat sich Mitte März selbst mit dem Virus infiziert und war schwer erkrankt. Doch nach knapp zwei Monaten hat sie das Schlimmste überstanden und ist wieder wohlauf.

NDR Kultur: Frau Scherg, das Wichtigste zuerst: Wie geht es Ihnen jetzt, einige Wochen nachdem Sie die Erkrankung mit dem Coronavirus überstanden haben?

Anja Scherg: Im Moment geht es mir wirklich schon wieder sehr gut. Ich habe das Gröbste hinter mir und darüber bin ich wahnsinnig froh und dankbar. Aber es liegt noch ein weiter Weg vor mir. Und wenn ich zurückdenke: Ich hatte wirklich zwei bis drei sehr, sehr heftige Wochen. So krank war ich noch nie in meinem Leben zuvor.

Anja Scherg stemmt ein Rad vor einem Bergsee in die Luft © Anja Scherg
Anja Scherg nach einer Alpenüberquerung mit dem Mountainbike.

Wann und wie genau haben Sie gemerkt, dass da etwas nicht stimmt, dass Sie infiziert sein könnten?

Scherg: Mitte März hatte ich eine Fahrradtour gemacht und hatte abends ein Kratzen im Hals, so dass ich dachte, ich hätte mich verkühlt. Nach fünf Tagen ist dann eine Verschlechterung eingetreten. Ich hatte bereits einen Husten, der sehr viel stärker wurde, mit Kopfweh und Gliederschmerzen. Ich war bettlägerig und ich wurde sehr hellhörig als ich merkte, ich habe da eine reife Banane liegen - und ich rieche nichts! Auch der Espresso hat ganz komisch geschmeckt. Als das Fieber dann dazu kam und bis 40 Grad ging, habe ich mir gedacht: das ist jetzt nicht mehr normal. Als Sängerin kenne ich meinen Körper sehr gut, und so etwas gabs bei mir noch nicht.

Und daraufhin sind Sie ins Krankenhaus gekommen?

Scherg: Ich habe meine Hausärztin angerufen und ihr von meinen Symptomen berichtet. Sie hat sich bereit erklärt, jeden Tag anzurufen, auch am Wochenende. Als sie gehört hat, dass die Hustenanfälle immer schlimmer werden, hat sie mich gebeten, den Rettungswagen zu rufen und mich ins Krankenhaus bringen zu lassen, weil sie selbst die Untersuchung an der Lunge nicht bei mir zuhause durchführen konnte. Ab dem Moment, wo ich im Krankenhaus war, war ich schon sehr erleichtert, weil ich nicht einschätzen konnte, wie krank ich war. Ich hatte eine Lungenentzündung.

Das war wahrscheinlich kein leichter Moment?

Scherg: Ich bin aus allen Wolken gefallen, weil ich ein sehr gesunder und fitter Mensch bin. Ich bin 34 Jahre alt. Ich bin die letzten zwei Jahre im Sommer mit dem Mountainbike über die Alpen gefahren und hätte im Vorfeld nie gedacht, dass, falls ich Corona bekomme, das mit Krankenhaus und Lungenentzündung einher geht.

Können Sie im Nachhinein rekonstruieren, wo Sie sich infiziert haben?

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Hände halten Notenheft © NDR Foto: Michael Müller

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Scherg: Ich bin mir ziemlich sicher, aber Gewissheit hat man natürlich nie. Ich habe mich wahrscheinlich bei meiner Gesanglehrerin infiziert, bei ihr wurde auch Corona festgestellt. Sie hat einen Unterrichtsraum, der ist nicht allzu groß, ich schätze 15 Quadratmeter. Er hat ein Fenster, das war natürlich geschlossen, wegen der Nachbarn. Wir haben auf den Abstand von 1,50 Metern geachtet. Aber letzten Endes waren wir zwei Personen in einem nicht allzu großen Raum, bei geschlossenem Fenster, rund dreißig bis vierzig Minuten.

Wenn Sie das alles jetzt aus der Rückschau betrachten, von welchem Zeitraum reden wir da und in welchem Tempo erleben Sie ihre Fortschritte?

Scherg: Die ersten Symptome hatte ich am 20. März. Neun Tage danach bin ich für acht Tage ins Krankenhaus gekommen, darauf folgte eine vierzehntägige Quarantäne daheim. Seitdem sind drei Wochen vergangen. Den Husten hatte ich auch nach der Rückkehr noch längere Zeit. Die Prognose vom Lungenarzt ist, dass ich noch sechs bis acht Wochen brauchen werde, also haben wir insgesamt eine Spanne von drei Monaten, die mich das kostet.

Können Sie schon wieder Singen? Und läuft Ihr Alltag schon wieder normal?

Scherg: Am Anfang war mir nach überhaupt nichts zumute, da habe ich nur auf dem Balkon gesessen. Dann habe ich die Anfrage bekommen ein Video aufzunehmen und daraufhin ausprobiert, wie es mit dem Gesang funktioniert. Der Stimme geht es gut, was keine Selbstverständlichkeit ist. Aber ich muss schon nach kurzer Zeit Zwischenatmen, da braucht es sicher einige Trainingszeit, bis ich wieder die richtige Kondition habe. Spazierengehen und Radfahren ging auch nach der Quarantäne bald wieder, aber beim Treppensteigen - ich wohne im vierten Stock - komme ich noch sehr schnell außer Atem. Corona trifft eben nicht bloß die Lunge, der ganze Körper kommt ans Limit. Das habe ich deutlich gemerkt.

Sie haben Ihre Erfahrungen mit der Erkrankung auch sehr differenziert auf Ihrem privaten Facebook-Account geschildert und darauf viel Zuspruch bekommen. Gibt es eine Botschaft, die Sie mitteilen möchten?

Scherg: Ich weiß, dass ungefähr achtzig Prozent der Fälle mild bis moderat verlaufen und bin wirklich froh, dass das Virus vielen Menschen nicht zu schaffen macht. Ich möchte überhaupt keine Angst schüren, aber ich finde es enorm wichtig, dass man auch über diese zwanzig Prozent spricht, bei denen der Verlauf schwerer oder sehr schwer ist. Ich möchte dafür sensibilisieren, dass dieses Virus auch bei Menschen, die kerngesund sind, wahnsinnig viel anrichten kann in einem Körper. Was wäre, wenn es an meiner Stelle vielleicht einen älteren Menschen getroffen hätte? Das Corona-Virus ist wirklich etwas ganz anderes als eine Grippe. Auch wer schon als genesen gilt, ist ja noch lange nicht wieder gesund. Bei Patienten, die beatmet werden mussten, dauert der Prozess noch viel länger als bei mir. Das sollte man nicht vergessen.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 13.05.2020 | 07:20 Uhr

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