Stand: 27.04.2020 15:34 Uhr

Simone Kermes: "Kultur wird verschleudert"

Kulturschaffende haben es schwer in diesen Corona-Zeiten: Viele müssen um ihre Existenz fürchten, alles ist ungewiss - auch, wie, wann und wo in Zukunft Kultur stattfinden wird oder wer diese Corona-Auszeit finanziell überlebt. Trotzdem sind Theater, Museen, Galerien, Musiker im Netz gerade sehr präsent und helfen uns allen, diese Zeit zu überstehen. Ein Gespräch mit einer der bekanntesten klassischen Sängerinnen in Deutschland, der Sopranistin Simone Kermes.

NDR Kultur: Frau Kermes, Kultur findet momentan nur im Netz statt. Damit wollen Kultureinrichtungen und Künstler in Kontakt mit ihrem Publikum sein, nicht vergessen werden und den Menschen natürlich auch mit Kunst Halt geben in diesen schwierigen Zeiten. Sie machen solche Aktionen nicht mit - warum?

Sopranistin Simone Kermes © Sandra Ludewig
Sopranistin Simone Kermes sieht Kulturübertragungen im Netz kritisch.

Simone Kermes: Weil ich glaube und weiß, dass das ein gewisser Ausverkauf der eigenen Kunst ist. Wir können nicht alles im Internet kostenlos machen, weil an die Künstler zurzeit nicht gedacht wird. Wir haben praktisch ein staatliches Berufsverbot und wissen nicht, wie unsere Zukunft aussieht. Und wenn Menschen heute ständig unentgeltlich mit Kunst versorgt werden, wie soll es denn danach aussehen? Dann werden die Menschen dafür vielleicht erstens kein Geld mehr aufbringen. Und zweitens ist es natürlich nicht dasselbe, wenn Konzerte im Internet stattfinden, dass die Menschen auch dabeibleiben und wirklich zuhören.

Man hat auch nicht die Energie, man kann das Besondere ja gar nicht senden: Ein Konzert ist ein gesellschaftliches Ereignis. Es geht natürlich im größten Teil um die Musik, aber es geht ja auch darum, Menschen zu treffen. Das ist für mich Kultur. Und was jetzt passiert, ist einfach: Kultur wird verschleudert.

Könnte das unser Kulturverständnis verändern? Sie haben das kostenlose Angebot angesprochen. Ich kann wegklicken, wenn es mich langweilt. Das kann ich natürlich in einem Konzertsaal nicht.

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Bassistin Lisa Wulff. © Hellwage Foto: Hellwage

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Kermes: Genau. Und man hat keinen Austausch mit dem Publikum. Ich kann nur von mir ausgehen, aber es ist so wichtig, dass ich im Konzert mit dem Publikum zusammen noch mal ganz andere Leistungen bringen kann, weil es diese Spannung und Energie gibt. Und dieser Energieaustausch, der fällt weg. Sprich: Kann ich damit wirklich Menschen berühren? Das glaube ich nicht.

Ich habe schon schlimme Träume und denke manchmal: Muss man sich umorientieren? Wird es überhaupt Geld geben, um Künstler noch zu bezahlen? Werden die Veranstalter überhaupt das Budget aufbringen, wieder hochwertige Konzerte durchzuführen?

Ich fühle jetzt, dass über die Kunst überhaupt nicht mehr debattiert wird. Ich finde, dass es jetzt endlich mal an der Zeit ist, darüber zu sprechen - nicht nur über Fußball. Ich hoffe, dass die Menschen es merken werden, wenn es keine Musik mehr gibt und keine Kunst und keine Bilder und alles, was dazugehört.

Andererseits wird ja argumentiert, dass man das alles ins Netz stellt, weil Kultur eben so ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft ist, den wir quasi als Nahrungsmittel für die Seele dringend brauchen.

Kermes: Ja! Aber was bewirkt das dann? Wenn es das nicht gäbe, würden die Leute vielleicht mehr Hunger danach haben. Ich muss den Appell wirklich auch an alle Künstler richten, damit wir erreichen, dass die Menschen sich danach sehnen, Kunst wieder zu erleben. Und wenn das ständig im Internet passiert, dann haben die Menschen keine Sehnsucht.

Man bekommt Depressionen, weil man sich als Künstler sinnlos fühlt. Wir brauchen einen Trost und Hoffnung und wir brauchen endlich einen Weg, um zu wissen, wie es überhaupt weitergehen soll.

Das Interview führte Eva Schramm.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 27.04.2020 | 17:40 Uhr

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