Stand: 12.07.2019 09:43 Uhr

Hochkultur in Scheunen und Kirchen Vorpommerns

von Michael Latz, NDR Info

In unserer Sommerserie "Land in Sicht" haben wir schon über Ideen berichtet, wie kleine Orte auf dem Land wieder wachsen können, wie sie schnelles Internet bekommen können oder über junge Firmen, die ganz bewusst in die Dörfer gehen. Nun geht es um ein Projekt, das die Oper in die Dörfer bringt: die Opernale in Vorpommern.

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Henriette Sehmsdorf und Hans-Henning Bär setzen auf Oper, Handpuppen und Lokalkolorit.

"Das eine ist purer Stress. Und das andere ist Passion ausleben, ohne dass man Angst haben muss, man fällt in den Graben und wird gefressen", beschreibt Sänger Lars Grünwoldt eine Aufführung in einem großen Haus wie der Hamburger Staatsoper auf der einen Seite und die Opernale auf der anderen Seite. Das Festival bringt Musiktheater in Dörfer und kleine Orte in Vorpommern, erklärt Henriette Sehmsdorf, die künstlerische Leiterin: "Unser Zielgruppe sind nicht die Touristen, unsere Zielgruppe ist auch nicht das spezialisierte Opernpublikum, sondern unser erste Zielgruppe sind die Menschen hier vor Ort, die Menschen, die hier leben."

"Zauberflöte" mit Lokalkolorit

Dabei setzen die Macher auf klassische Stoffe - allerdings mit Inhalten aus der Region. Bei Mozarts "Zauberflöte" zum Beispiel stand vor drei Jahren neben Papageno auch Putzfrau Fieken Dunnerwedder mit ihrem Staubsauger auf der Bühne - und erklärte auf Platt und mit Humor, worum es in dem Stück eigentlich geht. "Das war irre", sagt Gründwoldt. "Das hat die Menschen von ihrem Vorurteil befreit, Oper ist verstaubt und irgendwie abgehoben und elitär." Sie hätten einen Einstieg in die Opernwelt erleben können.

Aufführungen in Scheunen, Kirchen und Gutshäusern

Für den Sänger spielen die Aufführungsorte dabei eine wichtige Nebenrolle. Auf ihrer Reise durch Vorpommern gastierte die Zauberflöte in Kirchen, Gutshäusern oder - wie in Griebenow bei Greifswald - in Scheunen. Grünwoldt erinnert sich: "Als ich die Scheune das erste Mal gesehen habe, habe ich gedacht: Das kann doch nicht wahr sein, das geht nicht. Da standen noch die Strohballen drin und es war so schrecklich staubig und die Luft zum Ersticken - also für Sänger todfeindlich. Aber die haben es verstanden, es so herzurichten, dass es sauber und rein wurde. Und wir hatten dann ganz tolle Verhältnisse."

Der Gedanke: Gemeinschaft stiften

Heriette Sehmsdorf an einem See © Opernale Foto: Vincent Leifer

Opernale Festival in Vorpommern

NDR Info - Aktuell -

Ungewöhnliche Orte und ungewöhnliche Mittel wie Puppenspieler machen die Opernale in Vorpommern aus. Das Musikfestival bringt die Oper mit Lokalkolorit in die Dörfer.

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Logistisch ist die Opernale eine Herausforderung für Musiker, Darsteller und Techniker. Vom Catering über die Bestuhlung bis hin zur Garderobe muss alles zu den Spielstätten gebracht werden. Dabei arbeitet Festivalleiterin Sehmsdorf eng mit Gemeinden, Sport- und Kulturvereinen zusammen. "Vogelpark Marlow oder ein Pferdestall in Krichdorf oder SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden: Das sind alles Akteure hier im ländlichen Raum, mit denen uns ein Gedanke verbindet", erklärt Sehmsdorf. "Und das ist der Gedanken: Gemeinschaft zu stiften."

Oper über den Adler "Rainer"

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Der Schreiadler ist in Vorpommern zu Hause - und wird nun zum Thema in einer Oper.

Mitte Juli beginnen die Proben für das aktuelle Stück "Clanga Pomerina", eine Oper über den Schreiadler. Sehmsdorf erzählt darin die Lebensgeschichte von Adler "Rainer", der bis vor einigen Jahren ganz in der Nähe des Opernale-Instituts lebte: "In dem Moment, wo es um geschützte Vögel geht, prallen immer ganz viele Interessen aufeinander. Plötzlich sind Klimaschützer und Artenschützer nicht mehr einer Meinung, Landwirte sind nicht besonders begeistert. Dieser Vogel ist, dadurch dass er auch ein Zugvogel ist, natürlich nicht nur hier von Interesse, sondern er erlebt auf der Reise in sein südliches Afrika auch eine ganze Menge."

Vorpommern kann stolz sein auf den Schreiadler

Auf der Bühne werden unter anderem Puppenspieler den Schreiadler lebendig werden lassen. Zu hören gibt es bisher aber kaum mehr als den typischen Schrei des seltenen Vogels. Früher wurde der Schreiadler oft als "feiger Adler" bezeichnet, weil er seine Beute oft am Boden jagt. Dabei hat Vorpommern allen Grund, stolz auf den Schreiadler zu sein, findet Sehmsdorf: "Wir sind hier das Kernbrutgebiet des Schreiadlers, den es sonst nirgendwo mehr im Bundesgebiet gibt. Und das ist natürlich auch ein Anlass zu sagen: Da haben wir mal die Nase vorn! Da können wir auf etwas verweisen, was uns im positiven Sinne auszeichnet."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 12.07.2019 | 09:20 Uhr

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