Sean Shibe © picture alliance/dpa/Schleswig-Holstein Musikfestival | Kaupo Kikkas

Gitarrist Sean Shibe erhält Leonard Bernstein-Award 2022

Stand: 19.08.2022 06:00 Uhr

Am 19. August erhielt der Gitarrist Sean Shibe aus Edinburgh den Leonard Bernstein-Award des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Shibe steht für Neugier, Wucht, Talent und geistreiche Kommunikation.

Der schottische Gitarrist Sean Shibe © shean shibe Foto: Benjamin Ealovega
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von Mischa Kreiskott

"Electric Counterpoint" von dem amerikanischen Komponisten Steve Reich ist ein Denkmal der Moderne, der Minimal Music - zu spielen mit bis zu 13 Gitarrenstimmen, die im Playback übereinander geschichtet werden. Die meisten Gitarristen nutzen hier die Urfassung des Jazzers Pat Metheny als Playback. Wie soll man es besser machen?

Nicht so Sean Shibe. Der Konzertgitarrist, gewohnt an Nylonsaiten, eignet sich mit Mitte 20 mal eben die E-Gitarre an und liefert eine bahnbrechende neue Interpretation des Stückes.

Sean Shibe: Jüngster Musiker der Royal Scottish Academy

Dieser Mut, diese Lust zu experimentieren und neue Wege zu gehen, machen Sean Shibe zu dem herausragenden Gitarristen seiner Generation. 1992 wurde er im schottischen Edinburgh geboren, begann früh an der Royal Scottish Academy zu studieren, als jüngster Musiker jemals. 2012, er ist nicht mal 20, wird die BBC auf ihn aufmerksam und nimmt ihn auf in ihr "New Generation Artists"-Programm. Ein Sprungbrett mit Konzerten im ganzen Land und vielen Sendungen im Klassiksender BBC Radio 3.

Nach ihrem Boom in den 70er und 80er-Jahren war die klassische Gitarre zurück in einen Dornröschenschlaf gefallen. Andrés Segovia, der Spanier, der sie einst auf die große Bühne gebracht hat, starb 1987. Seine Erben, der Brite Julian Bream und der Australier John Williams sind mittlerweile tot oder im Rentenalter. Ein Solist mit Strahlkraft, Fantasie und dem Willen, über die inneren Zirkel der Konzertgitarrenszenen hinauszuwirken, wollte nicht kommen. Sean Shibe könnte diese Rolle einnehmen.

Die Strahlkraft der Konzertgitarre

Für einen Gitarristen ist es schwer, mit den Spitzenabsolventen prestigeträchtiger Klavier- oder Violinklassen zu konkurrieren. Das Repertoire des Instruments ist viel kleiner: Mozart, Schumann und Beethoven haben nie für die Gitarre geschrieben. Außerdem gelingt es wenigen Solisten, auch größere Konzertsäle mit dem Klang des Instruments über Reihe acht hinaus zu füllen.

Die Gabe großer Projektion des Klangs hat Shibe verbunden mit der herausragenden Technik der jungen Generation und einem sicheren Stilgefühl. Er spielt die Lautensuiten von Johann Sebastian Bach, Renaissance-Werke von John Dowland und immer wieder auch ganz neue Musik wie Julia Wolfes Stück "Lad" von 2007, Dudelsack-Variationen für verzerrte E-Gitarre. Das Werk erinnert an Sean Shibes schottische Heimat.

Schotte Sean Shibe: Keine Gitarrenhits von der Stange

Es sind Neugier und Wucht, die Shibe in seiner Generation besonders machen. Selten spielt er die schon oft gehörten Gitarrenhits von der Stange. Er arrangiert, erschließt neu, gibt in Auftrag. Viele erinnert das an die letzte Lichtgestalt der Gitarre aus Großbritannien: Julian Bream, der 2020 gestorben ist.

Nicht zuletzt bringt Sean Shibe eine Gabe mit, ohne die Musiker in der digitalen Welt nicht mehr auskommen: Er ist ein glänzender, humorvoller und geistreicher Kommunikator. Auf seinen Social-Media-Kanälen lässt er Gitarrenfans und Menschen, die das noch werden sollen, teilhaben an seiner täglichen Arbeit. Und spätestens mit seiner Radiosendung in der BBC hat er das britische Klassikpublikum in seinen Bann gezogen.

Mit diesem Leonard Bernstein-Preisträger kann man sich in Schleswig-Holstein auf einen Festivalsommer mit einem kreativen Geist freuen, der den Klassikaußenseiter Gitarre problemlos ins Zentrum der Aufmerksamkeit bringt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 19.08.2022 | 14:20 Uhr

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