Stand: 11.05.2020 15:56 Uhr  - NDR 90,3

Hamburger Pianist gibt weltweit erstes Klassikkonzert im Autokino

von Daniel Kaiser

Er ist in Hannover bei Vladimir Krainev und am Londoner Royal College of Music ausgebildet worden und schon lange Star-Pianist: Der Hamburger Musiker Alexander Krichel. Am Sonntag hat er ein weltweites Debüt gegeben: Erstmals gab es mit ihm ein Klassikkonzert im Autokino in Iserlohn. Die Musik wurde in die Autos auf einer UKW-Frequenz übertragen. Auf dem Programm stand Musik von Ludwig van Beethoven und Franz Liszt. Statt Applaus gab es vom Publikum in den 100 Autos lautes, begeistertes Gehupe. NDR 90,3 hat mit Krichel gesprochen.

Herr Krichel, wie haben Sie das Konzert auf der Bühne erlebt?

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Outdoor-Bühne und Leinwand. Pianist Alexander Krichel gab am Seilersee das weltweit erste Klavier-Konzert in einem Auto-Kino.

Alexander Krichel: Es war unglaublich. Ich selbst habe gar nicht gewusst, auf was ich mich einlasse, weil es so etwas gerade in der Klassikwelt noch gar nicht gegeben hat. Einen Klavierabend in einem Autokino zu bestreiten, ist etwas ganz Neues gewesen. Ich hatte trotzdem das Gefühl, dass ich mit dem Publikum verbunden war, und das ist es ja, was ein echtes Konzerterlebnis ausmacht, nämlich dass Energie fließt. Das war schon ein sehr besonderes Erlebnis für mich.

Wie muss man sich die Konzert-Situation in dem Autokino vorstellen? Saßen Sie da auf der Bühne und schauten in die Automenge?

Krichel: So ungefähr war es. Ich habe die Stücke anmoderiert und mit dem Publikum gesprochen. Dabei habe ich dazu ermuntert, mit mir zu kommunizieren, beispielsweise wie sie mir applaudieren können, oder dass sie die Warnblinkanlage betätigen sollen, wenn sie meinen, dass etwas, was ich gesagt habe, ganz witzig war. Und das hat super geklappt.

Das heißt, die Menschen haben mit Licht und Hupe mit Ihnen kommuniziert?

Krichel: Genau. Und man hat gespürt, wie begeistert sie waren. Man spürte, dass allen diese Live-Erlebnisse fehlen. Mir fehlt es ja auch, dass ich meine Gefühle und die Musik tatsächlich an einem Ort mit Menschen real teilen kann. Aus der ganzen Region sind Menschen gekommen. Denen hat das sichtbar und hörbar Freude gemacht.

War es denn musikalisch ein ganz normales Konzert?

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Die Zuhörer lauschten in ihren Autos über eine UKW-Frequenz dem knapp zweieinhalbstündigen Konzert.

Krichel: Ja. Ich war von Anfang an entschlossen, dass wir den Menschen etwas bieten, was sie in einem normalen Konzert bekommen hätten - ohne Kompromisse. Ich habe zweieinhalb Stunden gespielt - mit zwei Zugaben.

Als Sie gefragt wurden, dachten Sie da nicht, das ist eine Schnapsidee?

Krichel: Bei der Aussicht, auf einer Bühne zu spielen, haben ich sofort "Ja!" gesagt. Danach habe ich überlegt, wie das genau funktionieren soll. Noch auf der Autofahrt nach Iserlohn habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht. Das war ein surrealer Gedanke für mich, dass ich gerade in ein Autokino fahre, um dort ein Konzert zu spielen.

Würden Sie es nochmal machen - vielleicht in Hamburg?

Krichel: Ich hoffe es. Es ist direkter und unmittelbarer, als man denkt. Auch wenn die alle in ihren eigenen Autos sitzen, man die Gesichter nicht sieht und das Publikum nicht applaudieren kann, kommt es dem Live-Erlebnis sehr nahe. Es kann kein Konzert in einem Konzertsaal ersetzen, aber es ist der Sache viel verwandter, als man im ersten Moment denkt.

Das Interview führte Patricia Seeger.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 11.05.2020 | 19:00 Uhr

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