Ruth Reinhardt © NDR Foto: Jessica Schaefer

Die Dirigentin Ruth Reinhardt: klar und präzise

Stand: 27.01.2022 11:39 Uhr

Die Saarländerin Ruth Reinhard ist Gastdirigentin bei der NDR Radiophilharmonie in Hannover. Die Schülerin von Alan Gilbert ist erfolgreich in Europa und den USA unterwegs. Ein Porträt.

von Christiane Irrgang

"Dirigentin war nie auf meinem Radar", sagt Ruth Reinhardt. "Ich wusste immer, dass ich Musik machen will als meinen Beruf. Ich habe Oboe gespielt, auch Geige gespielt und ein bisschen komponiert; ich wusste nie so ganz genau, in welche Richtung es nun genau geht. Und dann habe ich zufällig mal dirigiert, da war ich knapp 16. Beim Jugendorchester wurde ich mal gefragt, ob ich mal wollte, und da habe ich gedacht, ja, kann ja nicht schaden. Und dann, als ich dann das erste Mal dirigiert habe, habe ich gedacht, ah, okay, das muss ich machen!"

Fünfzehn Jahre später, nach Studien in Zürich, Leipzig und New York (unter anderem bei Alan Gilbert) – steht sie in Hannover am Pult der NDR Radiophilharmonie. "Wunderbar! Es ist wirklich so ein tolles Orchester, so musikalisch und schnell in der Aufnahmefähigkeit. Also, es ist wirklich eine große Freude, hier zu sein." Eine zierliche Gestalt in einer taillierten Hemdbluse; eine blonde Haarsträhne schlüpft ihr immer wieder aus der Spange und wird energisch zurückgestrichen. Kurze Begrüßung, zwei organisatorische Sätze, dann geht es los mit dem Finale aus Dvoraks fünfter Sinfonie.

Ruth Reinhardts Dirigierstil: intensiv zugewandt, weit ausgreifend aber präzise

Andrei Ionita © NDR Foto: Nikolaj Lund
Ruth Reinhardt freut sich auf die Zusammenarbeit mit dem Cellisten Andrei Ionita

"Ich bin ein Typ, der nicht so viel erzählt. Ich mag es eigentlich lieber, wenn man sachlich bleibt und klare Anweisungen gibt. Es gibt ein paar Dirigenten, die plötzlich anfangen, von Sonnenuntergängen mit vielen Schafen und ich weiß nicht was zu erzählen, und das sind dann sehr schöne Bilder. Aber im Endeffekt weiß niemand, was man nun damit anstellen soll, ob man es jetzt kürzer, länger oder leiser spielen soll. Da bin ich vielleicht das andere Extrem, dass ich immer klar sein will, worum geht es handwerklich." Und das sieht man Ruth Reinhardts Dirigierstil auch an: intensiv zugewandt, weit ausgreifend aber präzise; bei besonders dynamischen Stellen vibriert ihr ganzer Körper, und mit ihrer lebhaften Mimik lädt sie ein, ihr zu folgen, auch wenn die Arme gerade eine andere Stimmgruppe anleiten. Zwischendurch unterbricht sie immer wieder, lobt die Einen und gibt den Anderen knappe Hinweise.

Die Dvořák-Sinfonie hat Ruth Reinhardt mit Joseph Haydns C-Dur-Cellokonzert kombiniert: "Ich wollte nicht ein ganzes Programm Dvořák und Brahms zusammen, das finde ich zu viel Sahne mit oben noch Sahne drauf. Ich mag immer Konzertprogramme, die Kontraste haben." Mit dem jungen rumänischen Cellisten Andrei Ioniță arbeitet sie schon zum dritten Mal zusammen: "Ich schätze ihn unglaublich. Er ist ein fantastischer Cellist, aber vor allem auch so ein toller Musiker, und es macht so viel Spaß, mit ihm auf der Bühne zu sein. Er hat unglaubliche Energie, gerade im Konzert, und ich finde, es gibt Wenige in seinem Alter, die so eine Reife haben."

Ruth Reinhardt schätzt Klarheit und Präzision

Und das gilt erst recht für ihr eigenes Fach: "Dirigieren hat unglaublich viel mit Erfahrung zu tun. Also, es ist meiner Meinung nach wirklich ein Handwerk, was man nicht nur theoretisch erlernen kann. Und wenn ich sein Stück zum 4. Mal mache, das sind lauter so Details, die man dann spürt, die ich verändern kann. Aber auch, dass man immer mehr Überblick bekommt, dass man immer tiefer eindringen kann in ein Stück, und dann kommt, glaube ich, auch dazu, dass man immer schneller ist mit dem Proben, dass man vielleicht sofort den Nagel auf den Kopf trifft."

Denn, wie gesagt, Ruth Reinhardt schätzt Klarheit und Präzision. Deshalb antwortet sie auch ohne zu zögern auf die Frage, ob sie sich eine Festanstellung als Kapellmeisterin oder Generalmusikdirektorin vorstellen könne: "Grundsätzlich schon, aber ich forciere es jetzt nicht. Also, ich bin sehr glücklich in der Situation, in der ich jetzt bin. Es macht mir total viel Spaß, und ich schau mal, was das Leben bringt."

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 27.01.2022 | 09:20 Uhr

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