Stand: 27.12.2019 15:03 Uhr  - NDR 90,3

Christoph Schoener über seinen Abschied vom Michel

von Daniel Kaiser
Christoph Schoener im Michel © NDR Foto: Florian Thoss
22 Jahre lang zeigte Christoph Schoener an den verschiedenen Instrumenten im Michel sein Können.

Christoph Schoener gehört zum Michel wie der Michel zu Hamburg. Nach fast 22 Jahren geht der bekannte Kirchenmusiker jetzt in den Ruhestand. An der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis endet damit eine Ära. Schoener bleibt und spielt aber bis zur letzten Sekunde: Am Silvesterabend gibt er um 21 Uhr sein letztes Konzert, bevor er am 1. Januar abends offiziell verabschiedet wird.

Herr Schoener, welches ist ein Michel-Moment aus den vergangenen 22 Jahren, den Sie besonders in Ihrem Herzen tragen?

Christoph Schoener: Es sind die großen Konzerte. Wenn man zum Beispiel das Brahms-Requiem oder die Matthäus-Passion dirigiert, sind das Dinge, die man auf einer normalen A-Kirchenmusikerstelle vielleicht zwei, drei Mal erreicht. Und wir haben hier am Michel die Taktung, dass man jedes Jahr gewisse Stücke der kirchenmusikalischen Weltliteratur immer wieder machen darf. Da muss man sich manchmal kneifen. Ich kann da kein einzelnes Highlight nennen. Es sind nur Highlights. Die ganze Kirche ist ein Highlight.  

Die Zeit am Michel begann etwas holperig. Der Chor wollte nicht mit Ihnen Musik machen und verließ die Gemeinde. Das ist lange her und wird nur noch für Interviews wie dieses herausgekramt. Aber das war keine leichte Zeit. Wie nah ist Ihnen das noch?

Schoener: Das ist mir immer noch sehr nah. Wenn man über ein halbes Jahr jeden dritten Tag in der Zeitung liest, dass man eine Flasche ist, gehört schon sehr viel Stärke dazu, eines Tages nicht zu denken: "Vielleicht haben die ja alle recht?" Als der damalige Chor entschieden hat, dass ich nichts tauge und die Kirche verlassen hat, kamen von überall freundliche hanseatische Chorsängerinnen und Chorsänger, die sagten: "Wir helfen mal. Wenn der kein Idiot ist, können wir ja ein bisschen bleiben." Davon sind noch viele da.

Treffen Sie die, die damals weggingen, noch manchmal in der Kirchenmusik-Szene?

Schoener: Man trifft sich durch Weggucken. Es ist auch nie etwas in der Richtung "Vielleicht haben wir uns doch geirrt" gekommen. Aus ihrer Sicht haben sie sich wirklich nicht geirrt. Ich bin wirklich eine Flasche und ein Interim, der ganz schnell weggeht. Es sind jetzt fast 22 Jahre, da bin ich einigermaßen stolz drauf. Ich finde das auch bedauerlich, weil darüber auch Freundschaften zerbrochen sind.

Christoph Schoener im Michel © NDR Foto: Florian Thoss

AUDIO: Der Beitrag zum Hören (13 Min)

Sie kommen rum - als Konzertorganist, als Professor und als Klassik-Echo-Preisträger. Welchen Klang hat der Michel mit seinen Orgeln über die Stadtgrenzen von Hamburg hinaus?

Schoener: Über die Stadtgrenzen von Hamburg hinaus wird es erst richtig spektakulär. Ich will wirklich nicht jammern, aber wenn ich südlich der Harburger Berge oder in Dänemark auftauche, denke ich oft an den Propheten, der im eigenen Land nichts gilt. Der Respekt vor der kirchenmusikalischen Arbeit ist anderswo sehr groß. Ich habe genossen, dass man als Kantor vom Michel schon ein gewisses Prestige genießt.

Wie viel Ruhe steckt denn in Ihrem Ruhestand? Ich hörte von 30 Konzerten, die jetzt schon fürs neue Jahr in Ihrem Kalender stehen.

Schoener: Ich muss Sie korrigieren: Es sind schon 36 (lacht). Schauen Sie mich an: So richtig tüddelig bin ich noch nicht. Ich habe auch Lust und merke schon eine gewisse Befreiung, dass ich mich jetzt nur noch um die Musik kümmern muss und nicht mehr um die Organisation.  

Ihr Lebensmotto lautet "Kein Tag ohne Bach". Was ist das Besondere an Bach?

Schoener: Bach schafft Ordnung. Und er ist tausendmal emotionaler, als man gemeinhin glaubt. Anders als das Klischee von Barockmusik, bei dem man glaubt, man drückt auf einen Knopf, und dann geht das los und 48 Takte lang ist alles gleich. Das ist ja nicht wahr. Bach hat eine solche Weite und Tiefe. Es ist Musik, die so viel Spaß machen kann. Es stimmt: Irgendwie bin ich jeden Tag mit Bach beschäftigt, ob ich selber stundenlang übe, etwas höre oder lese. Es ist nicht das schlechteste Motto für einen Musiker.

Bei Bachs Matthäuspassion und seinem Weihnachtsoratorium sind die Kirchen automatisch voll. Wie neugierig sind die Hamburgerinnen und Hamburger auf andere Musik? Auf große, vielleicht etwas unbekanntere Werke? Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

Schoener: Darf ich offen sprechen? Es gibt Beispiele: Ich haben vor drei Jahren Telemanns Brockes-Passion aufgeführt, ein sensationelles Stück. Telemann ist ohnehin einer der unterschätztesten Komponisten überhaupt. Da waren 700 Leute da. Da ist eine andere Kirche durchaus voll. Beim zweiten Mal waren 600 Leute da. Ich kann es Ihnen nicht ersparen: Auch das ist Hamburg, und ich verstehe es nicht. Die Hamburger sind unglaublich zuverlässig und treu bei Musik, die sie lieben. Davon leben wir auch. Aber manchmal würde ich mir wünschen, dass man etwas innovativer ist. Wir haben als Musik unglaublich viel damit zu tun, Menschen zu ermutigen, sich Unbekanntem zu nähern.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 27.12.2019 | 19:00 Uhr

Christoph Schoener im Michel © NDR Foto: Florian Thoss

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