Stand: 11.09.2020 16:41 Uhr

CD der Woche: Igor Levits Antwort auf den Lockdown

von Margarete Zander
CD-Cover: Igor Levit - Encounter © Sony Classical
Igor Levits sehr persönliches Doppelalbum "Encounter" ist bei Sony Classical erschienen.

Der Pianist Igor Levit hat - wie alle Musiker, die einen vollen Terminkalender hatten und von einer Sekunde auf die andere vollkommen ausgebremst waren - in der Zeit des Lockdown das Publikum schmerzlich vermisst. Irgendwann hat er angefangen, Konzerte aus seinem Wohnzimmer zu streamen und auf ein Echo gehofft. Und er hat es bekommen. Menschen aus der ganzen Welt haben ihm geschrieben. Er hat vieles begriffen. Auch, dass es nicht unbedingt die populären Hits sind, nach denen die Menschen sich in dieser Zeit sehnen. Seine Antwort auf den Lockdown ist sein Programm mit dem Titel "Encounter".

"Ich war die ersten Monate im Grunde allein", erzählt Levit. "Ich habe hier und da mal Freunde gesehen, aber im Grunde war ich nur für mich. Und so ein Stück, das im Grunde nur Raum gibt, gibt dir dann Raum, dir selbst zu begegnen in einer Art und Weise und in einer Intensität, die Ihresgleichen sucht."

"Die perfekte Musik zu unserer Zeit"

Mit dem Journalisten des "New Yorker" Alex Ross hatte der Pianist morgens noch über Morton Feldman gesprochen und so kam ihm abends zu seiner persönlichen Social-Media-Konzertstunde im Internet die Idee, ein Stück von Morton Feldman zu spielen: "Palais de Mari" wurde ein Hit.

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CD-Cover: Igor Levit - Beethoven: Sämtliche Klaviersonaten © Sony Classical

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"Das fühlt sich an wie die perfekte Musik zu unserer Zeit, in der wir eigentlich in der Einsamkeit auf uns selbst zurückgeworfen sind", so Levit. "Wo das Verständnis von Begegnung sich grundsätzlich verändert. Das Begegnen und das Streben nach Begegnung nach außen - und in sich hinein nach innen."

 

VIDEO: Pianist Igor Levit (17 Min)

Aus dieser Idee der Begegnung heraus ist das Album entstanden. Die Reaktionen des Publikums haben ihm bestätigt, worauf Igor Levit schon lange setzte: "Das Einzige, was für mich wichtig ist, ist, dass es da Menschen gibt, die mir ihre Zeit schenken. Und es gibt Klänge als solche. Und irgendwas werden die schon mit uns machen."

Hemmungslose Emotionalität

"Encounter" - ein Album von Igor Levit als Antwort auf den Lockdown und die Gedanken über unsere Begegnungen und Zeiten während der Corona-Pandemie. Igor Levit spielt Choräle von Johann Sebastian Bach und Johannes Brahms, gedeutet von Ferrucio Busoni und Max Reger - Musik über Liebe und Tod, über den Glauben und das Hinterfragen des Glaubens.

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Das Schumann Quartett spielt auf einer Bühne. © Ricardo Maldonado Rozo Foto: Ricardo Maldonado Rozo

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Mit seinem Anschlag rüttelt Igor Levit an existenzielle Fragen, seine Dynamik findet Spitzen in hemmungsloser Emotionalität. Er liebt diese Register: "Ich habe hemmungslose Emotionalität als Student in Josquin Motetten gehört, hemmungslose Emotionalität in Little Richard Songs, ich meine, das macht halt Musik, ich hör gerade Muddy Waters rauf und runter, das ist hemmunslos, überintensiv."

"Ich liebe Zärtlichkeit in der Musik"

Und noch ein Register setzt erschütternde Akzente in Igor Levits Spiel - Zärtlichkeit: "Ich liebe Zärtlichkeit in der Musik", sagt Levit. "Ich finde, Zärtlichkeit ist eines der schönsten Worte der deutschen Sprache, es ist mir sehr nahe."

Igor Levit kennt die Texte der Choräle in- und auswendig. Aber der Hörer muss sie nicht unbedingt kennen: "Ich habe keine Deutungshoheit darüber, was der Ton, den ich produziere mit denjenigen, die ihn hören, macht. Es ist absolut frei. Für mich kann das Stück das Eine sein, für Sie kann das Stück etwas anderes sein - wie schön ist das denn bitte!"

Encounter

Label:
Sony Classical

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 13.09.2020 | 15:20 Uhr

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