Das NDR Elbphilharmonie Orchester tritt im Lyoner L'auditorium Maurice-Ravel auf. © NDR Foto: Philipp Schmid

NDR Elbphilharmonie Orchester auf Tournee: Zweite Station in Lyon

Stand: 24.10.2021 15:27 Uhr

Das NDR Elbphilharmonie Orchester ist auf Europa-Tournee durch Deutschland, Frankreich und Spanien. NDR Kultur Moderator Philipp Schmid bloggt von der Tournee. Am Sonnabend trat das Orchester mit Renée Fleming im Auditorium-Orchestre National de Lyon auf.

von Philipp Schmid

Presto und Fermate

Der zweite Tag der Tournee des NDR Elbphilharmonie Orchesters steht im Zeichen der guten Nerven, des guten Willens, des guten Durchhaltens und des guten Endes. Aber der Reihe nach: Musikalisch gesprochen beginnt der Tag mit einem "Presto". Flott geht es mit dem Zug, dem französischen TGV von Paris nach Lyon. Das sind knapp 470 Kilometer, für die der Zug ziemlich genau zwei Stunden braucht. Prestissimo also, und weil die Musikerinnen und Musiker sehr disziplinierte Reiserinnen und Reiser sind, steigen auch alle zuverlässig ein, ganz egal, wie und wo man sich die Nacht in Paris um die Ohren geschlagen hat.

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Das NDR Elbphilharmonie Orchester tritt im Lyoner L'auditorium Maurice-Ravel auf. © NDR Foto: Philipp Schmid
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Der Weg zum Gleis am Gare de Lyon ist etwas kompliziert, und so geht man als Gruppe vorbei an einigen Kontrollen, Ticket und Gesundheit gleichermaßen, auch an schwer bewaffneten, patrouillierenden Soldaten. Immer wieder beeindruckend, dass das alles so klappt und man keine(n) im Gedränge verliert (meine jüngere Tochter schlug im Vorfeld der Reise, als ich ihr von solchen Vorhaben im Reiseplan erzählte, vor, das "Vorschulseil" mitzunehmen, an dem sich die jüngsten Kinder festhalten, um als Gruppe zusammenzubleiben...). Am Besten orientiert man sich an einem markanten Kleidungsstück oder Koffer und dem folgt man dann streng durchs Gedränge. (Ich hatte mir erst einen Musiker mit Baskenmütze ausgesucht - tun Sie das nicht in Frankreich).

So ein Orchester auf Tournee zu begleiten, ist höchst spannend, zumal ich hin und wieder einfach lauschen, schauen, staunen, Mäuschen sein kann. Da höre ich zu und denke dabei. "Bin heute morgen noch ein wenig gelaufen", - sagt einer der Musiker. (Er wird gerannt sein, denke ich, auch weil ich weiß, dass er Posaunist ist und gute Lungen hat, und wenig wird das nicht gewesen sein.) "An der Seine entlang, zum Eiffelturm und zurück." (Moment, denke ich, die Strecke bin ich gestern nach dem Konzert mit der Metro zurückgefahren, das waren doch einige Stationen...) "14 Kilometer, hat gut getan und wollte ich schon immer mal machen." (Und das vermutlich noch vor dem ersten Croissant, großer Respekt!, denke ich und staune einmal mehr, wie manche die knappe freie Zeit nutzen. Sehr individuell, sehr persönlich, sehr eigen - aber so, dass ein Eindruck bleibt; eine Kunst, die man vermutlich auf Konzertreisen lernen kann).

Vom Bahnhof Lyon soll es mit Bussen zum Hotel gehen, 20 Minuten etwa soll das dauern - und hier kommt die Fermate ins Spiel. Weil zwei der Busse offenbar an einer Baustelle nicht unter einer Tunneldecke hindurchfahren können, muss ein kräftiger Umweg gemacht werden. Und es beginnt eine Odyssee durch Quer-, Einbahn- und Seitenstraßen, die zunächst noch schmunzelnd, dann aber zunehmend stirnrunzelnd aufgenommen wird. Mehr und mehr läuft die Zeit davon, und zwar genau die kostbare Zeit, die Musikerinnen und Musiker vor ihrem Auftritt brauchen. Und da sind sie - zurecht! - darauf bedacht. Bratscherin Aline Saniter, als Halbfranzösin trifft sie schnell den richtigen Ton, überzeugt nach langen, langen Umwegen die Busfahrerin dann doch, die ohnehin etwas, sagen wir, großzügig ausgelegten Ampel-, Spurwechsel- und Höflichkeitsregeln im französischen Stadtverkehr noch etwas großzügiger auszulegen und einfach in Richtung Hotel zu steuern, das direkt neben der Konzerthalle, dem Auditorium Orchestre National de Lyon liegt.

Das NDR Elbphilharmonie Orchester tritt im Auditorium-Orchestre National de Lyon auf. © NDR Foto: Philipp Schmid
Auf der Bühne vor dem Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters im Auditorium-Orchestre National de Lyon in Lyon.

Dort soll demnächst Anspielprobe sein, das Konzert beginnt bereits um 18 Uhr - die kostbare Zeit der Regeneration schwindet, zumal das Hotel noch nicht alle Zimmer bereit hat. Unnötig lange unterwegs sein, unnötig lange Maske tragen, vor allem für die Bläser eine Belastung, wie mir einer der Hornisten abends hinter der Bühne erklärt - ganz schlecht für den Ansatz. Und so kümmert sich jeder um möglichst viel Ruhe vor dem Auftritt - und sobald die ersten Töne in der Halle erklingen, ist die Energie wieder da.

Ein schöner, großer Konzertsaal, Heimat des Orchestre National de Lyon - Konzertmeisterin ist Jennifer Gilbert, Schwester des Chefdirigenten des NDR Elbphilharmonie Orchesters. Und noch eine familiäre Verbindung gibt es an diesem Abend, Solo-Cellist Léonard Frey-Maibach stammt aus Lyon, sein Vater Gérard ist Kontrabassist im Orchester. "Das war sehr besonders, hier zu spielen", erzählt er mir nach dem Konzert, "ich war schon ein paar mal hinter der Bühne, aber in meiner Stadt am Platz meines Vaters für ihn zu spielen, war ein Erlebnis!" - und weil der Vater bereits am Künstlereingang steht und wartet, beenden wir unser kurzes Interview. Kleine Steine, die jeden Tag ein etwas anderes Mosaik ergeben - aus jeder kleinen Verzögerung, größeren Panne, Nerverei, unvorhergesehenen Begebenheit wird am Abend auch Musik, und das Orchester spielt befreit und herrlich, als wäre es kein Tag mit Schaukelei im Bus und Warterei in der Hotellobby gewesen.

Ich habe heute Abend den ersten Teil des Konzerts hinter der Bühne verfolgt und genau in die Gesichter der Musikerinnen und Musiker gesehen, und zwar wenn sie die Bühne betreten, und wenn sie wieder von der Bühne kommen. Und ich habe das verglichen mit den Gesichtern, wenn sie in einen Bus steigen, und wieder herauskommen. Es liegt auf der Hand - ist aber in jedem Muskel der Musiker zu spüren - Konzerte sind auf magische Weise Energie, Anspannung, Glück. Und so erweitert sich der musikalische Tagesablauf - Presto - Fermate - Finale furioso. Trotzdem ist ein Tag ohne Konzert am Abend mal ganz angenehm. Kurz die Konzertkleidung, die Gedanken und Seelen auslüften. Oder musikalisch gesprochen: kurze Generalpause und dann morgen attacca: San Sebastián!

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 24.10.2021 | 14:40 Uhr

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