Frau hält ein Schild mit der Aufschrift "MeToo" vor ihr Gesicht © picture alliance / ROBIN UTRECHT | ROBIN UTRECHT Foto: Robin Utrecht

MeToo-Anlaufstelle Themis jetzt auch für Musikbranche aktiv

Stand: 12.04.2022 11:44 Uhr

Sexuelle Übergriffe sind auch in der Kulturszene ein großes Thema.

von Danny Marques Marcalo

"Im Jahr 2021 wurden, was ich wirklich schlimm finde, zum Beispiel 14 Vergewaltigungen gemeldet," sagt Eva Hubert von der Vertrauensstelle Themis. Das bezieht sich nur auf Fälle aus der Film- und Theaterwelt.

Denn erst seit Beginn diesen Jahres arbeitet die Themis auch mit zwei großen Verbänden aus der Musikindustrie zusammen. Oft sind Anrufende unsicher. "Es ist wichtig einzuordnen, was ist mir da passiert. Warum ist mir unwohl? Eine Frage, die die BeraterInnen immer wieder bekommen ist, ich bin wahrscheinlich so empfindlich. Meistens müssen die Beraterinnen sagen, Nein, das ist was, was tatsächlich nicht in Ordnung ist."

Angst vor öffentlichen Spießrutenlauf

Nur 15 Prozent der Anrufe kommt von Männern. Hauptsächlich meldeten sich bisher junge Schauspielerinnen, aber auch Menschen aus allen Gewerken der kreativen Branchen. Nach den ersten paar Monaten, in denen sich nun auch Menschen aus der Musikszene melden, scheint klar: Die Probleme sind die gleichen. Öffentlich aufgefallen ist zuletzt die Deutschrap-Szene.

Im vergangenen Sommer etwa wirft die Influencerin Nika Irani dem Rapper Samra Vergewaltigung vor. "Ich habe über 20 mal nein gesagt, dann hat er meine Unterhose aufgerissen und zerfetzt und ich habe es einfach über mich ergehen lassen," postet sie. Das schlägt hohe Wellen, Samra bestreitet alles, aber sein Plattenlabel Universal setzt die Zusammenarbeit daraufhin vorerst aus. Er äußert sich auch online: "Weißt du eigentlich, mit was für einem Wort du da rumschmeisst? Du solltest dich schämen." Allein auf YouTube findet man dutzende Videos von Influencern, die diesen Fall kommentieren. Fast alle greifen Nika Irani an. Nika Irani erlebt, wovor viele Betroffene Angst haben: einen öffentlichen Spießrutenlauf.

Berater*innen helfen beim Einordnen und geben Ratschläge

Bei der Vertrauensstelle Themis bleiben Anrufende deshalb anonym, wenn sie wollen, erklärt Eva Hubert: "Wenn man Scheu hat seinen Namen zu sagen, oder an welchem Arbeitsplatz das war, dann muss man das nicht. Denn es geht darum den Betroffenen zu helfen." 235 neue Fälle habe Themis allein 2021 registriert. Tendenz steigend.

Die Berater*innen der Themis helfen beim Einordnen und geben Ratschläge, wie man mit den Erfahrungen, auch juristisch, umgehen kann. Was teilweise am Telefon erzählt wird, ist erschütternd, erzählt Hubert: "Unsere Berater*innen sagen, dass gerade in der schwierigen Lage sexuelle Erpressungen mehr passieren als früher. Das man sagt, ja du kriegst einen Job, oder wir zahlen dir ein Übergangsgeld, wenn du mal ein bisschen nett zu mir bist."

Themis sieht auch Hoffnungszeichen

Bei Beschwerden müsste eigentlich ein Arbeitgeber tätig werden. Es gibt die Pflicht Beschwerdeverfahren zu führen und alle Seiten anzuhören - das passiert aber selten. Denn Mitarbeitende melden sich oft gar nicht beim Chef, weil sie Angst vor beruflichen Konsequenzen haben. Oder der Chef selbst wurde übergriffig.

Aber die Themis sieht auch Hoffnungszeichen. Denn immer mehr Unternehmen wollen Strukturen schaffen, in denen es Hilfsmechanismen gibt, sagt Eva Hubert. Die Anlaufstelle unterstützt das mit Workshops: "Das ist das Thema Prävention. Da kommen erfreulicherweise viele Unternehmen auf Themis zu und wollen auch eine In-House Schulung haben." Denn wie der Fall Nika Irani zeigt, kann durch ein öffentliches Statement, ein enormer Druck entstehen.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kulturjournal | 12.04.2022 | 19:00 Uhr

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