Stand: 03.06.2019 16:53 Uhr

"Lustige Weiber von Windsor" treffen auf #MeToo

von Daniel Kaiser

So bunt waren "Die lustigen Weiber von Windsor" selten: An der Hamburger Hochschule für Musik und Theater haben Professoren und Studierende die Oper von Otto Nicolai gemeinsam auf die Bühne gebracht. Daraus ist ein farbenreicher und stimmgewaltiger Abend geworden. In der Pause gab es bei der Premiere am Sonntag allerdings auch Proteste.

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Gesangsprofessor Geert Smits singt in der Rolle des Falstaff mit Studentinnen der Hochschule für Musik und Theater.

Selbstbewusst lachen die lustigen Weiber von Windsor ihre Koloraturen. Der abgehalfterte Falstaff hat gerade beiden Frauen den gleichen Liebesbrief geschrieben. Jetzt nehmen sie Rache und legen ihn rein. Rasant und musikalisch prall bringen die jungen Leute und die alten Hasen wie Regie-Professor Wolfgang Ansel den Shakespeare-Stoff auf die Bühne. Gesangsprofessor Geert Smits singt den Falstaff. Die Stimmen der jungen Sängerinnen und Sänger strahlen auf Augenhöhe: Natalija Valentin beispielsweise als energische Frau Fluth, oder Noah Schaul als lyrischer Fenton in James-Dean-Pose mit lässig über dem Zeigefinger hängender Lederjacke auf dem Rücken - ein Posterboy mit roten Flügeln.

Musikalisch ein prickelnder Opernabend

Während Hayoung Ra als Anna Reich mühelos höchste Töne erklimmt, taumeln ihre beiden Verehrer Junker Spärlich (Sander de Jong) und Dr. Cajus (Laurence Kalaidijan) als Pat-und-Patachon-Clowns mit grellbunten Haaren und viel komischem Talent über die Bühne. Der musikalische Leiter Willem Wentzel dirigiert manches Mal mit großen Bewegungen, um davoneilende Sängerinnen und Sänger wieder einzufangen. Insgesamt gelingt ihm mit den Symphonikern Hamburg aber ein prickelnder Opernabend mit atmosphärischen Klängen und überraschenden Tempi.

Eine Eins für die Bühne

Die Kostüme (Malaika Friedrich-Patoine und Svena Mannshausen) und die Bühne (Marian Nketiah) der Studierenden sind eine richtige Kreativ- und Farbexplosion. Das Ehepaar Fluth in Grün, das Ehepaar Reich in Gelb. Man spürt die bürgerliche Spießigkeit der britischen 60er-Jahre. Allein schon am großen Filmplakat, vor dem der frühere Stummfilmstar Falstaff zur Karikatur geronnen posiert, kann man sich nicht sattsehen. Die Optik der Inszenierung hat Staatsoper-Qualität. Eins mit Sternchen!

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Dieses Flugblatt haben Protestierende in der Pause der Premiere verteilt.
Proteste gegen Inszenierung

In der Pause gerät das Publikum plötzlich in eine Demo. Im Foyer hängen Transparente. Studentinnen verteilen Flugblätter mit Kritik an der Inszenierung, denn die finden Studierende wie Verena Rosna pietätlos. "Die Inszenierung beinhaltet, dass der Gesangsprofessor in seiner Rolle den Frauen in ihren Rollen an den Hintern fasst, sie auf dem Boden herumkugeln und er ihnen aufs Dekolleté küsst."

#MeToo-Debatte an Hamburger Musikhochschule

Die #MeToo-Debatte ist an der Hochschule ohnehin seit Monaten ein großes Thema. Der "Spiegel" hatte zudem vor einigen Wochen berichtet, wie ein Hamburger Musikprofessor vor 25 Jahren eine Studentin vergewaltigt haben soll. Professoren-Hände hätten auf Studentinnen-Gesäßen der Bühne nichts zu suchen, sagt Rosna. Auch nicht auf der Bühne. "Wir finden, dass unsere Hochschulleitung mit mehr Sensibilität an das Thema herangehen sollte und es viel ernster nehmen muss."

Am Ende mischen sich so auch ein paar Buhrufe für das Regieteam in den Jubel über den ansonsten gelungenen Opernabend. Solche Inszenierungen sind länger im Voraus geplant. Der "Spiegel"-Artikel hatte die Musikhochschule überrascht. In Zukunft wird die Leitung noch sensibler mit dem Thema Machtgefälle zwischen Dozenten und Studierenden - auch auf der Bühne - umgehen müssen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 03.06.2019 | 19:00 Uhr

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