Stand: 19.03.2018 11:40 Uhr

Korngolds "Wunder der Heliane" überrascht in Berlin

Sara Jakubiak als Heliane, Brian Jagde als Der Fremde und Josef Wagner als Der Herrscher in "Das Wunder der Heliane".

Die Musik überflute das Textbuch, sie woge durch die Akte, sie schütte Melodien in die Figuren, dass sie an Gesang überquellen. So schwärmte eine Wiener Kritikerin, als in der Heimatstadt Erich Wolfgang Korngolds zum ersten Mal sein Meisterwerk gespielt wurde: "Das Wunder der Heliane". Kurz zuvor war schon die Uraufführung in Hamburg 1927 umjubelt worden. Der damals gerade mal 30-jährige Korngold galt, auch nach dem Erfolg seiner Oper "Die tote Stadt", als ein Star der Opernwelt. Die Deutsche Oper Berlin brachte jetzt eine Neuinszenierung heraus. NDR Kultur Opernredakteurin Sabine Lange hat sie gesehen.

Frau Lange, lohnt sich die Reise nach Berlin, um das "Wunder der Heliane" mitzuerleben?

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Marc Albrecht ist von der Musik Korngolds fasziniert.

Sabine Lange: Auf jeden Fall. Dieses Stück ist so außergewöhnlich, dass ich mich frage, weshalb es seit Jahrzehnten immer noch ein solches Schattendasein führt. Korngold hat die Partitur mit gerade einmal Ende 20 geschrieben, aber sie ist so unglaublich reich an Klangfarben, an harmonischer und rhythmischer Raffinesse, an Sinnlichkeit. Sie ist so üppig wie ein Gemälde von Gustav Klimt. Es gibt unglaublich viel darin zu entdecken. Bei der Premiere stand Marc Albrecht am Pult, ein Experte für Musik dieser Zeit. Er hat das Publikum fasziniert mit seinem Gespür für Details einerseits, aber auch mit seiner Lust und Verve, den hemmungslosen Melodiker Korngold schwelgen zu lassen.

Hemmungslos ist ein gutes Stichwort für das Stück - es geht ja auch auf der Bühne durchaus hemmungslos zu: Die Hauptdarstellerin Heliane lässt alle Hüllen fallen ...

Lange: Diese Nacktheit war Regisseur Christof Loy sehr wichtig. Heliane hat sich unsterblich in den Fremden verliebt, den ihr Mann, der König, hat einsperren lassen. Dieser Fremde hat aber nichts verbrochen - er hat nur versucht, dem unterdrückten Volk die Lebensfreude wieder zu geben. Das erträgt der König nicht. Er kann nur in Kategorien von Macht, Blut, Gewalt und Tod denken. Er missgönnt jedem, der lieben kann, so sehr dieses Glück, dass in seinem Reich sogar das Küssen bei Todesstrafe verboten ist. Der Herrscher hält seine eigene Frau, Heliane, wie ein Tier im Käfig gefangen und wundert sich dann, dass sie mit ihm nicht schlafen will.

Das klingt nach einer drastischen Dreiecksgeschichte.

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Erich Wolfgang Korngold (1897-1957)

Lange: Ja, da steckt einiges an Material für psychoanalytische Deutungen in dieser Oper. Und deshalb war ich sehr neugierig, wie Christof Loy mit dem Stück umgehen würde. Er ist ja einer der besten Regisseure unserer Zeit, er ist oft sehr stark in der Durchleuchtung der Seelen seiner Figuren. Da war ich etwas überrascht, dass Loy relativ konventionell die Geschichte erzählt, bewusst in einem sehr realen Umfeld, weil er meint, dann wirke das Wundersame der Geschichte stärker. Korngold hat sich aber im Libretto das Gegenteil gewünscht. Da heißt es gleich in der ersten Regieanweisung: "Nirgends herrscht Realismus". Okay, kein Regisseur muss sich an Regieanweisungen halten, aber wenn in diesem realen, modernen, kühlen, sachlichen Umfeld plötzlich ein Toter wieder aufersteht, dann muss man sich als Zuschauer entscheiden, ob und wie man der Geschichte noch folgen mag.

Ob man dieses quasi religiöse, messianische, doch etwas verquaste Geschehen als solches akzeptieren kann und möchte oder ob man vielleicht doch eher daran glaubt, dass die Oper vom ersten Takt an eine einzigartige unbewusste Verschmelzungsfantasie Helianes ist. Die zutiefst gequälte Ehefrau, die sich den idealen Fremden herbei fantasiert, mit dem sie das verlorene Paradies wiederfinden kann. Das kann man auch autobiografisch verstehen: Korngold hat diese Oper geschrieben, als er gegen den Willen seiner dominanten Eltern heiratete - diese Partitur kann man auch als seine Fluchtfantasie verstehen.

Eine vieldeutige Geschichte also auf jeden Fall. "Das Wunder der Heliane" - eine Oper, die sehr abhängig ist von der Qualität der Sänger, musikalisch und darstellerisch. Wie haben Ihnen die Sänger gefallen?

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Sara Jakubiak gibt die Heliane an der Deutschen Oper Berlin.

Lange: Sehr gut! Das war ein musikalisches Fest. Die Premiere war bis in die Nebenrollen hinein auf sehr hohem Niveau besetzt. Herausragend war für mich der amerikanische Tenor Brian Jagde, der sein Rollendebüt als Fremder gab. Er hat sich mühelos mit einer golden strömenden, warmen Stimme über das riesige Orchester hinweg gesetzt.

Das war sehr glaubwürdig, dass Heliane seinem Charisma erliegt. Josef Wagner als Gegenspieler, als Herrscher, zeigte eindrucksvoll, dass er nicht nur der Böse ist, sondern dass er sich seiner Unfähigkeit zu lieben auch schmerzlich bewusst ist. Und die Titelheldin Heliane, Sara Jakubiak, hat sehr differenziert ihre innere Gratwanderung sichtbar gemacht, ihre Sehnsucht, sich verströmen zu können, ihre Hoffnung, endlich Resonanz in einem anderen Menschen, in einem liebenden Mann, zu finden.

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Probenbesuch bei "Das Wunder der Heliane"

Auf der Homepage der Deutschen Oper Berlin können Sie das Video des Probenbesuchs bei der Operninszenierung von "Das Wunder der Heliane" ansehen. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 19.03.2018 | 10:20 Uhr

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