Auf Holzwürfeln steht "metoo". © Colourbox Foto: Kasper Nymann

#DeutschrapMeToo - Sexualisierte Gewalt in der Rap-Szene

Stand: 21.06.2021 15:05 Uhr

Die #Metoo-Auseinandersetzung ging bisher weitgehend vorbei an der deutschen Rap-Branche, die mittlerweile zu den umsatzstärksten Branchen der deutschen Musikindustrie zählt.

Fast vier Jahre ist es her, dass Frauen unter dem Hashtag #Metoo begannen, über sexuellen Missbrauch zu berichten. Daraus ist eine weltweite Bewegung entstanden, millionenfach wurde der Hashtag auf sozialen Medien wie Twitter und Instagram genutzt.

Unter dem Hashtag #DeutschrapMeToo gibt es nun seit einigen Tagen eine heftige Auseinandersetzung um sexualisierte Gewalt in der deutschen Hip-Hop-Szene. Der Journalist Sebastian Friedrich hat die Debatte verfolgt. NDR Info Redakteur Peter Stein hat mit ihm gesprochen.

Was war der Auslöser der aktuellen Diskussion?

Sebastian Friedrich: Es ging alles mit einem Instagram-Post los. Die Influencerin Nika Irani hatte vergangene Woche auf der Plattform dem bekannten Rapper Samra vorgeworfen, sie vergewaltigt zu haben. Es geht um eine Situation vor einem Jahr: Samra, einer der erfolgreichsten deutschen Rapper im Moment, habe ihr sein Aufnahmestudio zeigen wollen, sie dann aber in sein Schlafzimmer gedrängt, die Tür verschlossen, sie gewürgt. Irani führte weiter aus, sie habe mehr als 20 Mal "nein" gesagt. Er habe aber nicht von ihr abgelassen. Nika Irani hat aber nicht nur von dieser Situation erzählt, sie hat in ihrem langen Video-Posting andere Frauen dazu ermuntert, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen.

Wie waren die Reaktionen in der Szene?

Friedrich: Nika Irani hat einerseits viel Zuspruch bekommen. Aber es gab auch viele, die sich hinter den Rapper Samra gestellt und versucht haben, Irani zu diskreditieren. Vor drei Tagen hat dann die Hamburger Hip-Hop-Journalistin LowerClassJane dazu aufgerufen, unter dem Hasthag #DeutschrapMeToo die Erfahrungen mit Sexismus zu schildern. Ich habe mit ihr zu den Hintergründen des Aufrufs gesprochen. Sie sagt:

"Der Hashtag ist wichtig, um deutlich zu machen, dass es nicht ein Einzelfall ist, sondern dass wir hier ein flächendeckendes Problem haben, bei dem es sehr viele Betroffene gibt und das muss sichtbar gemacht werden und das am besten unter solch einem Hashtag."

Der Hasthag nimmt gerade so richtig Fahrt auf. Bis jetzt gibt es allein auf Twitter schon Hunderte Beiträge. Frauen aus der Szene erzählen von ähnlichen Situationen, von Nötigungen, von versuchten Vergewaltigungen.

Hat sich denn der Rapper schon zu den Vorwürfen geäußert?

Friedrich: Samra selbst bestreitet die Vorwürfe. Er hat mittlerweile auf Instagram der Influencerin vorgeworfen, sie wolle ihn nur diskreditieren. Irani solle sich schämen und Samra rief seine Fans dazu auf, ihn zu verteidigen.

Mittlerweile hat sich die Plattenfirma Universal Music von  ihrem Rapper Samra abgewendet. Zunächst hatte sich Universal aber sehr zurückhaltend geäußert und ein allgemeines Statements gegen Sexismus verbreitet. Nachdem die Plattenfirma immer stärker in der Kritik stand und der Druck nicht nachließ, hat Universal Music am Freitag mitgeteilt, man nehme die Anschuldigungen ernst und man habe sich dazu entschlossen, die Zusammenarbeit mit dem betreffenden Künstler ruhen zu lassen.

Rap wird ja immer wieder vorgeworfen, ein besonderes Problem mit Sexismus zu haben, etwa wenn es um frauenverachtende Texte geht. Hat die Debatte auch darauf Auswirkungen?

Friedrich: Ja, das fängt langsam an. Wegen der aktuellen Diskussion hat der bekannte Rapper Nimo seine aktuelle Single zurückgezogen und ließ diese auch von allen Streamingplattformen löschen, weil der Song auch gewaltverherrlichende und frauenverachtende Zeilen beinhaltet. Der Rapper Nimo hat mitgeteilt, er distanziere sich von "jeglicher körperlicher Gewalt an Frauen und Missbrauch". Man muss dazu sagen, dass solche Inhalte in vielen Rap-Songs gang und gäbe sind. Aber aufgrund der aktuellen Debatte sieht sich ein bekannter Rapper wie Nimo offenbar gezwungen, die eigene Herangehensweise zu verändern. Die Rap-Journalistin LowerClassJane warnt aber davor, bei dem Thema den Fokus auf die Rap-Szene zu verengen:

"Rap wirkt sexistischer aufgrund der unverblümten Sprache, aber Rap hat Sexismus nicht erfunden. Sexismus ist in dieser Gesellschaft drinne und Rap ist ein Teil dieser Gesellschaft. Grundsätzlich ist das kein szenespezifisches Problem, sondern ein gesellschaftliches Problem und speziell in der Medienbranche, wo das Machtgefälle sehr groß ist, wird so etwas wie Berühmtheit und Geld, um Menschen zu unterdrücken."

Wie beim #MeToo ist also auch hier festzuhalten, dass das Thema alle angeht, Frauen, Männer - in und eben außerhalb der deutschen Rap-Szene.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 21.06.2021 | 14:30 Uhr

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