Stand: 30.06.2015 16:42 Uhr  | Archiv

Im Tausch gegen Kolonien: Helgoland wird deutsch

von Dirk Hempel, NDR.de

Auf Helgoland wird gefeiert

Der Kaiser, "Mehrer des Reiches im Frieden", wie ihn die Zeitungen überschwänglich feiern, lässt sich seine Neuerwerbung aber nicht ausreden. Am Nachmittag des 8. August 1890, einem Sonnabend, hat sich eine Menschenmenge in der Helgoländer Queen-Street mit ihren Gründerzeitvillen und Holzhäusern versammelt. Schon seit Wochen hat die Hapag  in Hamburg für die Überfahrt an diesem Tag geworben, für 40 Mark inklusive Beköstigung an Bord (ohne Getränke) und Rückfahrt im Sonderzug ab Cuxhaven.

Seiten eines Kalenders © Fotolia_80740401_Igor Negovelov

Helgoland wird deutsch

NDR Info - ZeitZeichen -

Am 9. August 1890 ging Helgoland in deutschen Besitz über und wurde zur "Seefestung" ausgebaut. Vorher, unter britischer Herrschaft, war die Insel ein beliebtes Seebad.

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Vollbärtige Honoratioren stehen vor dem Konversations-Haus des Seebades, trotz der hochsommerlichen Wärme in schwarzem Frack und Zylinder, neben Damen in weißen Kleidern und britischen Matrosen in marineblauer Uniform. Der frische Seewind bauscht die Federbüsche an den Hüten des britischen Gouverneurs und des deutschen Staatsekretärs, die den Tausch vollziehen. Der Brite liest den Vertrag vor, dann werden Toaste auf Queen und Kaiser ausgebracht. Nach Salutschüssen hissen Soldaten die schwarz-weiß-rote Flagge neben dem britischen Union Jack.

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Nach dem Gottesdienst auf dem Oberland werden die Reichskriegsflagge und die Standarte des Kaisers gehisst.

Am Sonntag erscheint dann endlich der Kaiser. Der Anleger ist mit Flaggen und Girlanden dekoriert. Hier nimmt er die Huldigungen der angetretenen Admiräle, Generäle und Staatssekretäre entgegen. "Helgoland grüßt Dich Kaiser" steht auf einem großen Banner, das über dem Weg flattert. Unter Hochrufen schreitet er die Menschenmenge ab. Schulkinder singen die Hymne "Heil Dir im Siegerkranz". 15 Mädchen in Tracht übergeben einen grün-rot-weißen Blumengruß in den Farben Helgolands.

Preußische Ordnung zieht ein

Die Einverleibung fällt kriegerisch aus. 3.000 Matrosen und Angehörige des Seebataillons, die auf kleinen Booten von den Panzerschiffen herübergekommen sind, besetzen die Insel. Acht Kanonen wuchten sie die 188 Treppenstufen zum Oberland hinauf und bringen sie in Stellung, ebenfalls zwei 20 Meter lange Fahnenmasten, die ein Marineschlepper vom Festland gebracht hat. Nach einem Feldgottesdienst am Leuchtturm nimmt Wilhelm II. in der Kartoffelallee die Parade der Truppen ab. Neben der Reichskriegsflagge weht die Standarte des Herrschers: ein Eisernes Kreuz auf gelbem Grund.

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Nach der Übergabe Helgolands an das Deutsche Reich wird die Queen-Street zur Kaiserstraße.

Aus der Queen-Street wird bald die Kaiserstraße, und preußische Disziplin greift ein in das beschauliche Leben der Insulaner, die die Briten jahrzehntelang in Ruhe gelassen haben. In den "Vertrag über die Kolonien und Helgoland" haben sie aber für ihre ehemaligen Untertanen noch einige Vergünstigungen schreiben lassen, die lange gelten. Vor dem 1. Juli 1890 geborene Bewohner sind von der Wehrpflicht befreit, alte Gesetze und Gewohnheiten sollen möglichst bestehen bleiben. Auch können die Helgoländer sich zwischen deutscher und britischer Staatsangehörigkeit entscheiden - nur elf werden Briten.

Die Insel bleibt auch später umkämpft

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Erst 1952 dürfen die im Krieg evakuierten Helgoländer auf ihre zerstörte Insel zurück.

In den folgenden Jahrzehnten flammen immer wieder Kämpfe um die Insel auf. Im Ersten Weltkrieg versenken die Briten bei Seegefechten vor Helgoland deutsche Kreuzer, Torpedoboote und andere Kriegsschiffe. Im April 1945 müssen die Helgoländer ihre Insel nach massiven Bombenangriffen der Royal Air Force verlassen. Zwei Jahre später sprengen die Briten die unterirdischen Bunkeranlagen der Kriegsmarine mit rund 100.000 Bomben und Granaten in die Luft. Den roten Felsen benutzen sie danach jahrelang als Bombenabwurfplatz. Die Insel geben sie erst 1952, nach Appellen der vertriebenen Einwohner an die Vereinten Nationen und den Papst, an die Bundesrepublik Deutschland zurück.

Stichwort Sansibar

Sansibar war Jahrhunderte lang ein Teil des Sultanats Oman und wurde von einer arabischen Oberschicht regiert. Seit 1856 stellte es ein eigenständiges Sultanat dar. Der Vertrag von 1890 sah vor, dass Deutschland die Schutzherrschaft Großbritanniens über Sansibar anerkannte, das damit dem britischen Kolonialreich angegliedert wurde. Nach der Unabhängigkeit 1963 bildete Sansibar im folgenden Jahr zusammen mit dem benachbarten Küstenstaat Tanganjika den Bundesstaat Tansania.

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NDR Info | 09.08.2015 | 19:05 Uhr

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