Stand: 12.06.2014 16:44 Uhr  | Archiv

1944: V1-Bomben explodieren in London

von Dirk Hempel, NDR.de

Täglich schlagen bis zu 100 V1 ein

Ein Angehöriger des Zivilverteidigungskommandos beschreibt den gleichen Angriff von Mitte Juni 1944: "Zuerst hörte man ein tiefes Röhren, ein greller Blitz folgte, der Luftschutzwart sprang auf. Das Geschoss hatte die Kreuzung getroffen. Der Weg dorthin führte durch einen Alptraum aus Rauch und Staub. Die Straße war bedeckt mit Blättern, Glas und Trümmern. Verletzte und Unverletzte kamen herausgestürzt, verwirrt und fassungslos im trüben Dämmerlicht. Die Kreuzung war verwüstet. Vier große Häuser waren bis auf die Grundmauern zerstört, Dutzende andere beschädigt, und in den meisten befanden sich noch Menschen, denen geholfen werden musste."

Innerhalb einer Woche sterben in London Hunderte Menschen, werden Häuser, Straßen, Schienenwege zerstört. Ein zweiter "Blitz" - nach den monatelangen Bombenangriffen der deutschen Luftwaffe von 1940/41 - hat begonnen. Ende Juni schlagen noch immer täglich 70 bis 100 V1-Bomben in London ein. Unter der Bevölkerung verbreiten sich Angst und Schrecken.

Auch Belgien wird beschossen

Bis März 1945 feuern die Deutschen rund 10.500 Marschflugkörper auf Ziele in England ab, nach dem Rückzug aus Frankreich im September 1944 auch von Holland und Deutschland aus. Hunderte V1 werden von Heinkel-Bombern in der Luft abgesetzt. Die meisten sind auf London gerichtet, aber auch auf Manchester, Southampton und Gloucester. Am Ende des Krieges gerät Belgien ins Visier der Marschflugkörper: Insgesamt 11.892 V1-Bomben werden noch auf den alliierten Nachschubhafen Antwerpen, auf Brüssel und Lüttich gerichtet.

US-Kriegskorrespondent Hemingway berichtet

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Flaksoldaten starten die V1 in Nordfrankreich, britische Bomber zerstören die Abschussrampen.

Die Briten, die schon im Vorjahr versucht hatten, Peenemünde zu zerstören, ergreifen noch im Sommer 1944 Gegenmaßnahmen, die bald Wirkung zeigen und etwa ein Drittel der Marschflugkörper unschädlich machen: Weil die V1 nicht schneller als ein Flugzeug fliegt, kann sie von Flugabwehrkanonen oder Jagdfliegern abgeschossen werden, zudem halten an Stahlseilen befestigte Fesselballons Hunderte Bomben auf. Auch werden die V1-Abschussrampen in Nordfrankreich bombardiert. US-Kriegskorrespondent Ernest Hemingway, der bei einem dieser Angriff mitfliegt, berichtet seinen amerikanischen Lesern in einem Artikel davon.

Gegen die Abwehr setzen die NS-Ingenieure auf neue V1-Modelle, die torkelnde Flugbewegungen ausführen, um der gegnerischen Flak zu entgehen. Auf einem Schießplatz bei Cuxhaven werden sie erprobt und über die Nordsee gestartet. Noch im Jahr 2003 werden dort bei der Insel Neuwerk Reste einer V1 aus dem Watt geborgen.

Raketen aus Peenemünde

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Die erste Rakete erfüllt einen Menschheitstraum - aber sie bringt Tod und Verderben: Start einer V2 in Peenemünde.

Außerdem haben Hitlers Ingenieure inzwischen eine noch fürchterlichere Waffe zum Einsatz gebracht: das Aggregat 4, bald als V2 bezeichnet. Die erste funktionsfähige Großrakete der Welt ist sogar ganz auf Usedom entwickelt worden, ab 1939 in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde-Ost unter der Leitung von Wernher von Braun.

Sie braucht für die Strecke nach London nur fünf Minuten und schlägt mit knapp 5.500 Stundenkilometern ein. Ihr Kommen ist wegen der Überschallgeschwindigkeit vor der Explosion nicht zu hören. Unmöglich, dagegen Abwehrmaßnahmen zu ergreifen. Die britische Bevölkerung ist schockiert. Die Deutschen hingegen wähnen sich für kurze Zeit endlich wieder im Kriegsglück. Die "A 9/10", eine bereits in Peenemünde geplante Interkontinentalrakete mit 5.000 Kilometern Reichweite, die New York angreifen soll, wird jedoch nicht mehr gebaut.

V 2 auf London und Antwerpen

Nach der Hauptangriffswelle mit V1-Bomben im Sommer 1944 wird London ab September auch mit V2-Raketen beschossen, später auch Städte in Belgien, Frankreich und Holland. Bis Kriegsende werden mehr als 3.170 Raketen abgefeuert, gut die Hälfte auf den alliierten Nachschubhafen Antwerpen, 1.300 auf die britische Hauptstadt.

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Sie schlägt lautlos ein: In London (Foto) und Antwerpen fürchten die Menschen den V2-Beschuss.

Die materiellen Schäden durch den Beschuss mit V1 und V2 in Großbritannien und Belgien sind außerordentlich groß. In London werden 29.000 Häuser zerstört und über 1,2 Millionen beschädigt. In Belgien zerstören die Fernwaffen fast 5.700 Häuser und beschädigen rund 167.000 Gebäude. Die Kosten für den Wiederaufbau schätzen die Briten auf mindestens 25 Millionen Pfund. Insgesamt töten die fliegenden Bomben und Raketen mehr als 15.000 Menschen, rund 47.000 werden verletzt.

Dieses Thema im Programm:

21.07.2004 | 23:05 Uhr

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