Stand: 30.11.2009 14:38 Uhr  | Archiv

Das Ende der "Todesautomaten" in der DDR

Gartenschläger: Der "Todesautomat-Beschaffer"

Die Splittermine unterliegt in der DDR großer Geheimhaltung. Im Westen nimmt man dennoch Notiz von den Selbstschussanlagen. Im Oktober 1972 berichtet das ZDF ausführlich über die "Todesautomaten an der Zonengrenze". Die DDR bestreitet das Bestehen der SM-70 aber weiterhin. Im selben Monat mokiert sich SED-Chef Erich Honecker vor 4.500 Mitgliedern der Freien Deutschen Jugend, der Westen empöre sich über "sogenannte Todesmaschinen, die es gar nicht gibt".

 

Ein Holzkreuz erinnert an der innerdeutschen Grenze bei Gudow an Michael Gartenschläger © dpa

Erinnerungen an den Fall "Gartenschläger"

NDR 1 Radio MV -

Ein Weggefährte erzählt, warum Michael Gartenschläger die Selbstschussanlagen abbaute.

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Es ist dann ein ehemaliger DDR-Bürger im Westen, der den Beweis für die Existenz der Selbstschussanlagen vorlegt: Michael Gartenschläger. Im November 1975 liest er im Nachrichtenmagazin "Spiegel" einen Bericht über den Aufbau und die Funktionsweise der DDR-Grenzanlagen. Vor allem ein Satz bleibt bei ihm hängen: Wie die Selbstschussautomaten im einzelnen funktionieren, "weiß der Bundesgrenzschutz bis heute nicht genau". Gartenschläger, der zu der damaligen Zeit in Hamburg lebt, fasst einen Beschluss: "Wenn die so ein Ding brauchen und nicht haben, wirst du denen eben so ein Ding besorgen."

Bei Nacht gelingt der erste Coup

Der 32-Jährige schraubt in der Nacht zum 1. April 1976 an der innerdeutschen Grenze eine Selbstschussanlage ab - in einem unübersichtlichen Terrain bei Büchen, zwischen dem westdeutschen Bröthen und dem ostdeutschen Wendisch Lieps. Die entwendete SM-70 übergibt er dem "Spiegel", der das Gerät im Labor analysieren lässt. Das Nachrichtenmagazin berichtet am 12. April 1976 ausführlich über den "SM-70-Beschaffer". In der Nacht vom 23. auf den 24. April baut Gartenschläger eine zweite Splittermine ab - nur 200 Meter vom ersten Tatort entfernt. Dieses Exemplar verkauft er an das Museum Checkpoint Charlie in West-Berlin. Der große Aufschrei auf höchster politischer Ebene in der Bundesrepublik bleibt allerdings aus. Es ist die Zeit der Entspannungspolitik.

Die DDR kontert mit Blick auf die Medienberichte über die Minen vom Typ SM-70, es handele sich nur um Attrappen. Doch für die DDR-Führung, die um internationale Anerkennung buhlt, ist die Tat Gartenschlägers eine der größten außenpolitischen Blamagen. Stasi-Chef Erich Mielke soll persönlich angeordnet haben, den Querulanten bei einem erneuten Versuch "unbedingt festzunehmen".

Die Stasi-Männer sind schon da

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Im November 1976 stellen Freunde von Gartenschläger an der Grenze bei Gudow ein Holzkreuz zu seinem Gedenken auf.

In der Tat: Gartenschläger plant einen weiteren Coup. Die dritte abmontierte Splittermine will er vor die Ständige Vertretung der DDR in Bonn legen. Doch ein Stasi-Kommando lauert ihm in der Nacht zum 1. Mai 1976 an der Grenze auf. Die vier Männer geben 120 Schüsse ab. Gartenschläger stirbt. Ein Augenzeuge berichtet, die Stasi-Männer hätten ohne Warnung das Feuer eröffnet. Die Genossen geben nach der Wiedervereinigung vor Gericht an, sie hätten aus Notwehr gehandelt. Michael Gartenschläger wird auf einem Schweriner Friedhof beerdigt, ohne dass die Verwandten informiert werden. Auf dem Totenschein Gartenschlägers steht: Wasserleiche aus der Elbe.

Dieses Thema im Programm:

21.10.2009 | 19:30 Uhr

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