Stand: 22.01.2015 15:41 Uhr

Winter 1945: Hunderttausende flüchten über die Ostsee

von Dirk Hempel, NDR.de
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Ostpreußische Flüchtlinge erreichen nach tagelanger Flucht über die Ostsee Kiel. Oft haben sie nicht viel mehr als das Leben gerettet.

Die Schiffe fahren von Pillau häufig im Geleitzug. Kriegsschiffe sollen sie gegen Angriffe sowjetischer U-Boote und Flieger schützen. Auf den Frachtern sind die Laderäume mit Stroh ausgelegt. Sie sind ebenso mit Flüchtlingen und verwundeten Soldaten überfüllt wie die Kabinen der Passagierschiffe. Und an Deck stehen oft Hunderte Menschen dichtgedrängt, weil kein Platz ist, um sich hinzusetzen. Manchmal gibt es eine dünne Erbsensuppe, oft muss auch der Schnee an Deck als Trinkwasser dienen. Aber die Flüchtlinge sind froh, entkommen zu sein. Dass ein ums andere Mal auf der Brücke U-Boot-Alarm gegeben wird, wissen sie nicht.

Der Untergang der "Wilhelm Gustloff"

Ziel ist zumeist Swinemünde auf Usedom. Von dort geht es mit dem Zug weiter, auch über See nach Flensburg, Lübeck oder Kiel. Oft landen die Schiffe ihre Fracht aber auch nur im bald von den Sowjets eingekesselten Danzig oder Gdingen (Gotenhafen) an, wo sich ebenfalls die Menschen zu Zehntausenden drängen und darauf warten, dass sie ein anderes Schiff nach Westen bringt.

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Vor dem Krieg unternimmt die "Wilhelm Gustloff" Kreuzfahrten im Mittelmeer. Am 30. Januar 1945 wird sie in der Ostsee versenkt.

Am 30. Januar sticht hier der Passagierdampfer "Wilhelm Gustloff" in See. Die Zahl der Flüchtlinge an Bord ist bis heute umstritten. Vielleicht waren es 6.000 Menschen, andere Quellen sprechen von 10.000. Wenige Stunden nach seiner Abfahrt wird das ehemalige Kreuzfahrtschiff der NS-Organisation "Kraft-durch-Freude" vor der Küste Pommerns von einem sowjetischen U-Boot torpediert. Das Schiff sinkt innerhalb einer Stunde. Nur etwa 1.200 Menschen können gerettet werden.

Immer wieder laufen Flüchtlingsschiffe auf Minen, werden von sowjetischen U-Booten oder Flugzeugen versenkt. Noch Mitte April geht der torpedierte Frachter "Goya" nach wenigen Minuten unter, von den schätzungsweise 7.000 Menschen an Bord werden nur wenige gerettet. Fast zur gleichen Zeit transportiert die SS über 3.000 Häftlinge des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig auf Schuten und Kähnen nach Neustadt in Holstein ab.

Manche Schiffe steuern Kopenhagen an

Die Evakuierung Ostpreußens, Danzigs und Pommerns über See geht bis Kriegsende unvermindert weiter. Gdingen fällt Ende März in sowjetische Hand, Königsberg kapituliert erst am 9. April. Etwa 75.000 Menschen leben zu dieser Zeit noch in den Trümmern der Stadt. Aber nach Pillau kommen weiterhin Schiffe, die von hier aus jetzt auch Häfen auf der anderen Seite der Ostsee ansteuern, im neutralen Schweden, vor allem aber Kopenhagen, das noch immer von der Wehrmacht besetzt ist. Hier herrscht scheinbar Frieden. Gut gekleidete Menschen gehen zur Arbeit, in den Geschäften gibt es alles zu kaufen. Und die Flüchtlinge haben oft nichts als ihr Leben gerettet.

Die letzten Schiffe verlassen Pillau um den 23. April. Wie viele Flüchtlinge zurückbleiben, ist unbekannt. Wenige Tage später besetzen sowjetische Soldaten die Stadt nach schweren Kämpfen. Insgesamt sind von hier zwischen Januar und April 1945 rund 450.000 Flüchtlinge mit Schiffen abtransportiert worden. Die Halbinsel Hela vor Danzig, von der auch nach der Einnahme der Hansestadt im März noch Zehntausende Flüchtlinge gerettet werden, bleibt noch bis zur Kapitulation in deutscher Hand.

Schleswig-Holstein wird zum Flüchtlingsland

An der Rettungsaktion über die Ostsee waren mehrere Hundert Schiffe beteiligt. Wie viele Menschen über den Seeweg gerettet wurden, ist bis heute ungeklärt. Die Zahlen schwanken zwischen 800.000 und 2,5 Millionen. Mehr als 20.000 Menschen starben bei Schiffsuntergängen. In Ostpreußen, Danzig und Pommern bleiben allerdings mindestens drei Millionen Menschen zurück, geraten unter sowjetische Herrschaft. Die meisten von ihnen werden bis Ende der 1940er-Jahre aus ihrer Heimat vertrieben.

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1946 kommen in Schleswig-Holstein auf vier Einheimische drei Flüchtlinge. Hier ein Flüchtlingslager in Kiel.

Ein Großteil der Ostdeutschen bleibt in Schleswig-Holstein, das in der späteren Bundesrepublik mit einer Million aufgenommener Menschen zum Land mit den meisten Flüchtlingen wird. In manchen Städten und Dörfern verdoppelt sich die Einwohnerzahl. 1948 sind 40 Prozent der Lübecker Bevölkerung Flüchtlinge. Sie leben oft in Notunterkünften und Sammellagern, von denen es Anfang der 50er-Jahre noch mehr als 700 im ganzen Land gibt. Erst mit den Jahren gelingt den regierenden Politikern die Integration, nicht selten gegen Widerstände der Einheinmischen, die sich noch lange vor Überfremdung und Verdrängung fürchten.

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Unsere Geschichte | 02.12.2015 | 21:00 Uhr

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