Stand: 10.06.2014 14:26 Uhr  | Archiv

WM 1974: Im "Geist von Malente" zum Titel

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Drei Wochen trainiert die DFB-Elf in Malente vor dem ersten WM- Spiel.

Eine Mannschaft mit Stars wie Franz Beckenbauer, Paul Breitner, Gerd Müller und Günter Netzer, die sich nach einer verheerenden Niederlage zusammenrauft und am Ende im eigenen Land die Fußballweltmeisterschaft 1974 gewinnt - soweit der Mythos vom Sommermärchen 1974. Doch der Weg zum WM-Titel beginnt wenig glamourös.

"In Malente wird man wahnsinnig"

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Angesichts spartanisch eingerichteter Zimmer und Ausgehverbot packt viele Spieler in Malente der Lagerkoller.

Schon das Trainingslager im schleswig-holsteinischen Malente ist vielen Spielern ein Graus: "In Malente wird man wahnsinnig", zitiert die "Bild"-Zeitung am 20. Juni den Mannschaftskapitän Franz Beckenbauer nach drei Wochen im Trainingscamp. Das Wort vom "Lagerkoller" macht die Runde. Paul Breitner fühlt sich in den einfachen Zimmern und der isolierten Atmosphäre wie in einer Kaserne. "Wir wurden abgeschirmt, keiner hatte Zutritt", erinnert sich auch der damalige Verteidiger Horst-Dieter Höttges.

Terrorangst beherrscht die WM

Abschottung und Isolation haben System: Zwei Jahre nach dem Anschlag von München bei den Olympischen Spielen ist die Terrorangst allgegenwärtig. Tag und Nacht bewachen Polizisten die Trainingslager der Mannschaften. Uwe Schlüter, damals Hausmeister im Trainingslager in Malente, beschreibt die Atmosphäre: "Es war hier eine Festung mit Hunden, die Türen waren abgeriegelt mit Matten, wenn einer rausging, war Alarm."

Die Angst scheint berechtigt: Es gehen mehrere Drohungen ein. Die RAF kündigt einen Raketenanschlag auf das Volksparkstadion in Hamburg an, die irische Terrororganisation IRA droht vor dem Turnier mit einem Mordanschlag auf die Spieler des schottischen Teams. Auch gegen die Mannschaft der DDR geht eine Bombendrohung ein.

"Wasserschlachten" in der Zwischenrunde

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Sepp Maier bei der "Wasserschlacht von Frankfurt".

Heitere Spiele sind dieser Atmosphäre kaum möglich, die Voraussetzungen für ein Sommermärchen denkbar schlecht. Traumwetter wie bei der WM 2006 gibt es ebenfalls nicht. Die beiden letzten Zwischenrunden-Partien der DFB-Elf finden im Dauerregen statt. Als "Wasserschlacht von Frankfurt" schreibt das Spiel Deutschlands gegen Polen (1:0) Fußballgeschichte.

Der WM-Auftakt verläuft alles andere als nach Wunsch: Gegen Chile quält sich die Bundesrepublik zu einem 1:0. Gegen Australien gewinnt Deutschland zwar mit 3:0, doch die Zuschauer im Hamburger Volkspark sind trotzdem mit der Leistung ihrer Mannschaft unzufrieden und pfeifen das Team aus. Beckenbauer revanchiert sich, indem er in Richtung Publikum spuckt.

Jürgen Sparwasser schockt die Bundesrepublik

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Mit seinem Siegtreffer für die DDR schreibt Jürgen Sparwasser 1974 Fußballgeschichte.

Noch schlimmer endet aus bundesdeutscher Sicht das letzte Gruppenspiel, in dem ausgerechnet die Teams aus den beiden deutschen Staaten aufeinander treffen. Die DDR hatte sich überraschend für die WM qualifiziert und sich mit der "Aktion Leder" auf die Spiele beim Klassenfeind vorbereitet: Die DDR-Spieler werden scharf überwacht, um Fluchtversuche zu unterbinden, die mitgereisten Fans sind von der Stasi handverlesen. Beim Spiel gegen das DFB-Team kommt es zur Sensation: Jürgen Sparwasser erzielt in der 77. Minute den Siegtreffer für die DDR - und schockiert das Team der favorisierten Westdeutschen zutiefst.

Groß ist die Enttäuschung über die Niederlage des DFB-Teams auch in Hannover: Dort haben sich die Fußballfans bereits seit Wochen darauf gefreut, ihre Mannschaft in der Zwischenrunde im Niedersachsenstadion zu sehen. Doch als Zweitplatzierter der Vorrunde trägt der Gastgeber seine Zwischenrunden-Partien in Düsseldorf und Frankfurt (Main) aus.

Die "Nacht von Malente" - ein Mythos wird geboren

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Am 7. Juli 1974 erfüllt sich für das Team um Kapitän Beckenbauer doch noch der Traum vom Titel: Deutschland ist Weltmeister.

Die DDR holt den Gruppensieg, doch der bringt dem Team kein Glück: Es trifft in der Zwischenrunde auf die überlegenen Teams aus Brasilien, Argentinien und den Niederlanden und scheidet aus. Beim DFB-Team löst die Niederlage gegen die DDR dagegen eine Art heilsamen Schock aus: Nach der Rückkehr in das schleswig-holsteinische Trainingslager rauft es sich noch am selben Abend zusammen und findet endlich den gemeinsamen Siegeswillen, der ihm letztendlich den Titel beschert. "An Schlaf dachte niemand und ich putzte jeden runter, der mir vor die Augen kam", beschrieb Beckenbauer später die Stimmung in der Küche von Malente. Jener legendäre Abend, an dem - so beschreiben es später die Spieler - Franz Beckenbauer die Führung übernimmt, geht später als die "Nacht von Malente" in die Geschichte ein.

Ob Tatsache oder Legende, eines fest steht: Nach der unglücklichen Gruppenrunde läuft es für die deutsche Elf deutlich besser. Sie verliert kein Spiel mehr und schlägt im Finale die Niederlande mit 2:1. Am 7. Juli 1974 wird Deutschland zum zweiten Mal Weltmeister.

 

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Unsere Geschichte | 11.06.2014 | 21:00 Uhr

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