Stand: 31.07.2015 10:25 Uhr  | Archiv

35 Jahre CSD in Hamburg - Party und Politik

von Stefanie Döscher

Blonde Mähne, dunkles Kleid und Rollschuhe - so sehen die ersten Hamburger Dragqueens aus. 1980 ziehen sie bei der Stonewall-Demonstration durch die Straßen der Hansestadt - denn so heißt der Christopher Street Day damals noch.

Ursprünge in New York

Der Hintergrund dazu: Im New Yorker Greenwich Village liegt das Stonewall Inn, eine Kneipe. Hier kommt es 1969 zu Auseinandersetzungen zwischen Schwulen und Lesben und der Polizei. In Erinnerung daran findet ab Sommer 1970 der Christopher Street Liberation Day statt. Eine Parade, in deren Rahmen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle für ihre Rechte demonstrieren. Auch Homosexuelle in Deutschland setzen sich ab Anfang der 70er-Jahre für ihre Rechte ein. Die erste Schwulendemo der Bundesrepublik findet 1972 in Münster in Nordrhein-Westfalen statt. Die ersten CSDs - die auch wirklich so hießen - gibt es 1979 in Bremen und Berlin.

Vom Stonewall zum CSD - Politikparade seit 1980

Nachzügler Hamburg

Hamburg ist 1980 also eher spät dran, als dort die erste Gay Pride Week stattfindet. Herzstück der Woche: die Stonewall-Demonstration am 28. Juni 1980, das Pendant zum heutigen CSD. Es ist das erste Mal, dass Hamburger Schwule und Lesben mit Forderungen an die Öffentlichkeit gehen. Sie sind gegen den Paragrafen 175, der Homosexualität unter Männern bestraft. "Damals war es noch keine bunte Parade, es ging vor allem darum, die gesellschaftliche Position zu verbessern", erklärt Wolfgang Krömer, der seit 35 Jahren dabei ist.

Polizeigewalt im Schanzenpark

Der Paragraf 175

Der § 175 des deutschen Strafgesetzbuches existierte vom 1. Januar 1872 bis zum 11. Juni 1994. Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. 1935 verschärften die Nationalsozialisten den Paragrafen. Sie hoben die Höchststrafe von sechs Monaten auf fünf Jahre Gefängnis an. In schweren Fällen betrug das Strafmaß sogar bis zu zehn Jahre Zuchthaus (§ 175a). Die Bundesrepublik Deutschland hielt zwei Jahrzehnte lang an den Fassungen des § 175 aus der Zeit des Nationalsozialismus fest. Im Jahr 1969 kam es zu einer ersten, 1973 zu einer zweiten Reform des Paragrafen. Erst 1994 wurde er aufgehoben. Insgesamt wurden etwa 140.000 Männer nach § 175 verurteilt, 50.000 von ihnen nach 1949.

Durch die Innenstadt marschieren die Demonstranten ins Schanzenviertel. Auf dem Weg werden sie von einem Polizeiwagen begleitet, aus dem die Beamten Fotos machen. Die Demonstrierenden haben einen Verdacht: Die Bilder werden für "Rosa Listen" verwendet. Auf diesen sammeln Behörden die Namen mutmaßlicher Homosexueller. Als die Aktivisten die Polizisten auffordern, die Filme mit den Bildern herauszugeben, kommt es zum Eklat. Gegen die Demonstranten werden Reizgas und Schlagstöcke eingesetzt, mehrere werden verletzt. Die Bewegung geht mit der Geschichte an die Presse. Die Medien berichten über das Vorgehen der Polizei und stehen mehrheitlich auf der Seite der Demonstranten. Die erste Stonewall-Demonstration in Hamburg wird so zum Erfolg.

Mit dem "Wärmsten am Norden" zum Erfolg

Von nun an finden Stonewall-Demonstrationen regelmäßig in Hamburg statt. Doch es gibt Differenzen zwischen den verschiedenen Schwulen- und Lesbenbewegungen. Ende der 80er-Jahre kommen kaum noch Menschen zu den Demos. Darum entscheiden sich die Macher 1992 für einen Neuanfang: Mit dem Motto "Das Wärmste am Norden" und unter dem Namen Christopher Street Day legen die Organisatoren die Veranstaltung neu auf. Das Ganze wird deutlich bunter als früher, politische Aussagen gibt es dennoch. Die katholische Kirche gerät in den Fokus, das Thema Outing ist hoch im Kurs und auch die Frage, ob Lehrer denn homosexuell sein dürfen, wird diskutiert.

Großes öffentliches Interesse

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Schwul-lesbische Sichtbarkeit, ein Bildband von Rolf Erdorf und Chris Lambertsen. Lambertsen begleitete seit 1980 jeden CSD als Fotograf.

Zum 30-jährigen Jubiläum erscheint ein Bildband von Chris Lambertsen, der jeden CSD als Fotograf begleitet hat. Die Geschichte des CSD in Hamburg ist inzwischen eine Erfolgsgeschichte. Schwule und nicht schwule Politiker nehmen medienwirksam an den Aktionen teil. So ist es völlig normal, dass Hamburgs Bürgermeister (früher Ole von Beust, heute Olaf Scholz) den CSD für sich als festen Termin eingeplant hat. 2014 ziehen 15.000 Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transsexuelle durch die Straßen der Hansestadt - gefeiert von 150.000 Zuschauern.  

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 01.08.2015 | 19:30 Uhr

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