Stand: 26.01.2019 07:09 Uhr

150 Jahre Postkarte: "Gruß und Kuss!"

von Wolf-Hendrik Müllenberg, NDR.de

Wenn die Spitze eines Stiftes auf die Kartonage der Postkarte trifft, erinnert sich der Schreiber an die schönsten Momente: Baden im Meer, Eis in der Sonne, Heiterkeit. Mit ihrem begrenzten Platz für hübsche Worte ist die Postkarte so reizvoll - und das bereits seit 150 Jahren.

In der Eile eine Zeile: Norddeutsche Postkarten

Die Postkarte: Kurz, günstig und flott

Der Siegeszug der Postkarte begann mit einem Artikel, der am 26. Januar 1869 in einer Wiener Tageszeitung erschien. Emanuel Herrmann, ein Professor für Nationalökonomie, plädierte für die Postkarte als neues Korrespondenzmittel und zählte die Vorteile des neuen Mediums auf: kurz, günstiger im Porto, weniger förmlich als der Brief und rasch zugestellt. Die Begeisterung des Professors steckte die Menschen an - und so gab am 1. Oktober desselben Jahres die österreichisch-ungarische Post die so genannte Korrespondenzkarte heraus.

Sammlerparadies in Hamburg

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Andreas Polster hat 30.000 Postkarten in seinem Laden. "Da sind schon ein paar schicke dabei", sagt er.

Die ersten Postkarten zeigten kein Motiv. Auf der einen Seite stand der Text, die andere war der Adresse vorbehalten. "Schmuckstücke waren das nicht. Trotzdem sind die Dinger heute heiß begehrt", sagt Andreas Polster. Der 66-Jährige betreibt "Polster & Rutsch", einen 180 Quadratmeter großen Laden in der Hamburger Innenstadt. Kisten, Alben und Kataloge stapeln sich in Regalen bis an die Decke - Postkarten wohin man schaut. Der Geruch von alter Tinte und staubigem Pergament liegt in der Luft.

Begehrt: Karten aus dem Norden

In einer hinteren Ecke des Geschäfts sitzt Stammkunde Eddy. Der 70-jährige sucht in einem Schuhkarton nach Ansichtskarten aus Norddeutschland. "Alles was südlich der Elbe liegt, brauch' ich nicht. Da fehlt mir der Bezug“, sagt Eddy mit Hamburger Zungenschlag. Rund 2.000 Karten umfasst seine Sammlung, die er heute erweitern will. Noch eine Stunde stöbert er - bis er zur Kasse schlendert. 400 teilweise sehr alte Postkarten mit Urlaubsmotiven von Wangerooge, Sylt oder Rügen gehen über die Ladentheke.148 Euro bekommt Postkartenhändler Polster dafür.

150 Jahre Zeitgeist

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Die Aktie des kleinen Mannes: Postkarten sammeln ist erschwinglich.

"Noch lohnt sich das Geschäft", erzählt Polster. Aber Kunden wie Eddy sterben aus. Anfang der 1980er-Jahre gab es im Großraum Hamburg noch 130 Läden für Postkartensammler. Heute sind es neun. Dennoch glaubt Poster, dass die Faszination für alte Ansichtskarte nie ganz abreißen wird. Doch wer Postkarten sammelt, muss nicht unbedingt welche schreiben. Bestes Beispiel ist der Experte für Ansichtskarten selbst: Polster darf man sich im Urlaub so vorstellen: "Füße hochlegen und mal eine WhatsApp verschicken."

Selfie statt Postkarte

Einer Studie des Branchenverbands Bitkom zufolge schicken mittlerweile acht von zehn Deutschen ihre Urlaubsgrüße auf dem digitalen Weg. Ein Selfie ist unkomplizierter, noch dazu gratis und vor allem: schneller. Um 1900 galt die Postkarte noch als schnellstes und zuverlässigstes Kommunikationsmedium - sie war billiger als ein Brief oder ein Telegramm - und weiterverbreitet als eine Zeitung. In der österreichischen Hauptstadt Wien dauerte es durchschnittlich zwei Stunden bis sie einen Empfänger erreichte. Die Zustellung von Postkarten erfolgte unter der Woche sieben Mal pro Tag.

Ein altes Bild von dem Hafen und der Kirche in Eckernförde. © NDR Foto: Daniel Kummetz

Die besondere Postkarte aus Eckernförde

NDR 1 Welle Nord - Nachrichten für Schleswig-Holstein -

Um 1900 wurden aus Eckernförde besondere Postkarten verschickt: Sie zeigen keine Sehenswürdigkeiten, sondern Fischer im Porträt. Einer davon war Lorenz Marquardt. Eine Spurensuche.

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Bedenken beim Datenschutz

In Deutschland begann der Siegeszug der Postkarte etwas später als in Österreich - sie kam erst 1870 in Umlauf. Warum die Deutschen etwas zögerlicher agierten? Weil ihnen schon damals Datenschutz besonders wichtig war. Die Befürchtung: Vertrauliche Nachrichten würden in falsche Hände geraten. Zudem sorgen sich die Deutschen um die Verrohung der deutschen Sprache. Im Gegensatz zum Brief waren Höflichkeitsfloskeln auf Postkarten überflüssig geworden, wie dieses Gedicht beweist:

"Einen langen Brief verlangst Du? Sei klug! Gruß und Kuss! Das ist genug." Autor unbekannt

Feldpostkarte: "Ich lebe noch"

Im deutsch-französischen Krieg (1870/1871) erlebte die Postkarte ihren ersten Masseneinsatz - als Feldpostkarte. Sie wurde gratis zugestellt. Ihre wichtigste Botschaft: "Ich lebe noch!" Familien und Freunde hielten über Monate nur über die Feldpost Kontakt.

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Historische Postkarten aus Hamburg

Seit 150 Jahren werden Postkarten verschickt. Auch in Hamburg hat haben die kurzen Zeilen mit dem großen Bild Tradition. Video (01:01 min)

Rund 20 Jahre später begannen Verlage zunächst Zeichnungen und Grafiken und dann Fotografien auf die Karten zu drucken. Ihre Botschaften schrieben die Menschen rund ums Foto - denn weiterhin war die andere Postkartenseite ausschließlich für die Adresse reserviert. Die ersten Bilder zeigten Stadtansichten - jeder noch so kleine Ort druckte Postkarten. Besonders an Urlaubszielen erfreuten sie sich großer Beliebtheit.

Ein Strich verändert die Postkarte

Zudem übernahm die Postkarte auch eine Funktion als berichtendes Medium- sie zeigte Bilder von Unfällen, kuriose Szenen oder Brände. 1904 gab es dann eine bahnbrechende Neuerung: der Teilungsstrich wurde eingeführt. Nun beschrieb man ausschließlich die Rückseite und nicht mehr die Bildseite - links stand der Text, rechts die Adresse.

Keine rosigen Aussichten für die Ansichtskarte

Die Jahre 1895 bis 1918 waren die Blütezeit der Ansichtskarte. 1903 etwa wurden in Deutschland 1,2 Milliarden Postkarten befördert. Heute sind es bedeutend weniger. Nach eigenen Angaben transportierte die Deutsche Post 2017 rund 195 Millionen Postkarten. 2014 waren es noch 210 Millionen.

Service

Der N-JOY Urlaubskarten-Text-Generator

Zu faul zum Selberschreiben? Der Postkarten-Text-Generator macht die passenden Vorschläge für die nächste Postkarte. mehr

Ein Abwärtstrend - und keine rosigen Geschäftsaussichten für jemanden, der mit Postkarten Geld verdienen will. Der Postkartenverleger Boris Hesse aus Lübeck glaubt trotzdem an ihren Fortbestand. Der 51-Jährige leitet den Schöning-Verlag, der in Deutschland Marktführer im Verkauf von Ansichtskarten ist. Doch auch Hesse hält leise Zweifel für berechtigt. Vor zehn Jahren verkaufte sein Verlag noch 35 Millionen Karten, 2017 waren es nur noch 14 Millionen.

Sein Verlag nimmt mittlerweile sogar Rücksicht auf Schreibfaule und produziert Karten mit vorgefertigten Text. Wer eine Postkarte abschicken will, muss nur noch ankreuzen, wie ihm der Urlaub gefallen hat. Die Auswahl reicht von "schön" über "furchtbar" bis "regnerisch". Was eine Postkarte heute erfolgreich macht? "Sie muss die Sehnsucht wecken", meint Hesse. Eine Postkarte seines Verlags erfüllt dieses Kriterium offenbar besonders gut. Der Kassenschlager ist ein kleiner Gruß - wahlweise von der Nord- oder Ostseeküste. Darauf zu sehen: eine Robbe, die auf der faulen Haut liegt. Passend zum Postkartenscheiber im Jahr 2019.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 28.09.2018 | 20:05 Uhr

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