Buchcover: Andrea Abreu - So forsch, so furchtlos © Kiepenheuer & Witsch Verlag

"So forsch, so furchtlos": Wunderschöne Freundschaftsgeschichte

Stand: 06.07.2022 09:03 Uhr

Andrea Abreus Roman "So forsch, so furchtlos" ist ein bemerkenswertes Buch. Die junge Autorin ist eine Sprachvirtuosin, sie schreibt wirklich furchtlos, ohne Tabus und Rücksichtnahmen.

Buchcover: Andrea Abreu - So forsch, so furchtlos © Kiepenheuer & Witsch Verlag
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von Katja Eßbach

Andrea Abreu wurde 1995 auf Teneriffa geboren und wurde im vergangenen Jahr von einem Magazin zur besten jungen spanischsprachigen Autorin gekürt. Die Grundlage dafür hatte sie mit ihrem Roman "So forsch, so furchtlos" gelegt. Der wurde in ihrer Heimat fast hymnisch gefeiert und erscheint jetzt auch auf Deutsch.

Ein ungleiches Freundinnenpaar, das seinesgleichen sucht

Der Roman von Andrea Abreu heißt im spanischen Original "Panza de Burro" - "Eselbauch". Der Ausdruck steht für ein charakteristisches Wetterphänomen auf den Kanarischen Inseln. Es beschreibt tiefhängende Wolken, die als Sonnenschutz wirken. Andrea Abreu zerreißt den Wolkendunst und es erscheint ein ungleiches Freundinnenpaar, das seinesgleichen sucht: die namenlose Ich-Erzählerin und ihre wilde Freundin Isora.

Ich hatte Angst, meine Eltern würden den Kaffee aus meinem Mund riechen und mir Hausarrest verpassen, aber Isora hatte nie Angst. Sie hatte keine Angst, obwohl ihre Großmutter ihr öfter mit einer Tracht Prügel drohte. Sie fand, man lebte nur einmal und man musste immer ein winziges Fitzelchen probieren, wenn es ging.

Die beiden ungefähr zehnjährigen Mädchen könnten unterschiedlicher kaum sein. Die Ich-Erzählerin ist eher brav und ängstlich, Isora ungezügelt und frühreif. Sie leben in einem Dorf auf Teneriffa, weitab vom Tourismus und dem damit verbundenen Geld.

Mein Vater arbeitete auf dem Bau und meine Mutter putzte Hotelzimmer. (...) Sie mussten beide früh raus und kamen spät heim. Isora und ich waren in unserem Viertel eingesperrt, wir kamen nicht über eine Handvoll Häuser, ein Kiefernwäldchen und die kieferngesäumten Straßen im oberen Teil der Ortschaft hinaus. Es war Juni und ich spürte die Traurigkeit.

Andrea Abreu ist ein bemerkenswertes Buch gelungen

Andrea Abreus Roman wurde von der spanischen Kritik gefeiert, in 19 Länder verkauft und vom deutschen Verlag Kiepenheuer & Witsch mit einigen Vorschusslorbeeren bedacht. Und tatsächlich ist "So forsch, so furchtlos" ein bemerkenswertes Buch. Die junge Autorin ist eine Sprachvirtuosin, sie schreibt wirklich furchtlos, ohne Tabus und Rücksichtnahmen. Ihre Sprache fließt in einem einzigen Stück, sprudelt manchmal kindlich über und spiegelt andererseits Ängste des erzählenden Mädchens wider. Das ist voller bedingungsloser Liebe zu Isora.

Ich mochte die Farbe ihrer Haare und ihrer Arme. Mir gefiel ihre Schrift. Sie machte ihr G mit einem riesigen Schweif, der unlesbar machte, was in der Zeile drunter stand. Mir gefielen ihre Augen und noch so viele andere Sachen. Ich beneidete sie dafür, wie sie mit Erwachsenen reden konnte.

Die Mädchen sind von überforderten, nicht selten gewalttätigen Erwachsenen umgeben. Vor allem die Großmutter, bei der Isora lebt, kann das Mädchen kaum bändigen und ist ihr in allen Angelegenheiten eine schlechte Ratgeberin.

Um schlank zu sein (...) müsst ihr dummen Gören zuerst mal aufhören, so viele Süßigkeiten zu fressen, dieser Kleinen hier geb ich erst mal eins mit der Gerte, damit sie aufhört, Scheißdreck in sich reinzustopfen, ich hab das Mädel auf Diät gesetzt, weil sie schon ganz fett wird, und wenn ich sie lasse, geht sie auseinander (...) und wird dick wie ein Nilpferd, schlingschling.

"So forsch, so furchtlos": Ein wilder Ritt

Die Mädchen träumen vom Strand, der unerreichbar scheint. Sie leiden unter Langeweile und kommen auf dumme Gedanken. Isora ist dabei die treibende Kraft, von der Erzählerin bewundert und heiß geliebt. Aber Isoras selbstzerstörerisches Verhalten führt zum Bruch zwischen den Freundinnen...

Andrea Abreus Roman "So forsch, so furchtlos" ist die schmerzhafte, wunderschöne und verstörende Geschichte einer Freundschaft. Ein wilder Ritt.

So forsch, so furchtlos

von Andrea Abreu
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Spanischen von Christiane Quandt
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-00175-4
Preis:
20 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.07.2022 | 12:40 Uhr

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Romane

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