Buchcover: Cristina Cassar Scalia - Schwarzer Sand © Limes Verlag

Krimi "Schwarzer Sand": Polizistin Vanina ermittelt in Sizilien

Stand: 24.06.2021 06:00 Uhr

Seit drei Jahren lässt Cristina Cassar Scalia die stellvertretende Polizeipräsidentin Giovanna Guarrasi in Sizilien ermitteln. Gerade ist in Italien der vierte Fall erschienen, bei uns wurde jetzt Teil 1 übersetzt.

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von Andrea Heußinger

Die Vicequestore Giovanna Guarrasi alias Vanina hat ein Faible für vertrackte Fälle - genau so wie für alte italienische Filme und für gutes Essen.

Erster Fall für sizilianische Polizistin Vanina: "Schwarzer Sand"

Der Etna spuckt mal wieder Asche. Sein Vulkanstaub bedeckt Pflanzen, Autos, Straßen - gleichzeitig kommt ein Verbrechen ans Licht, das sich schon vor langer Zeit zugetragen hat. Am Fuße des Vulkans, in einem Dorf, dem die Autorin passenderweise den Namen Sciara gegeben hat: das italienische Wort für Lavazunge oder vulkanische Ablagerung. In der Villa Burrano, einst ein prächtiges Schloss, das jedoch seit Jahrzehnten verfällt, wird eine Leiche gefunden:

Während ihrer beruflichen Laufbahn hatte Vanina schon viele Tatorte gesehen. (…) Aber das Bild, das sich ihr an diesem Abend bot, war gelinde gesagt makaber. Auf dem etwa eineinhalb Quadratmeter großen Boden des Speiseaufzugs krümmte sich der mumifizierte Körper einer Frau, an deren Schädel noch die Reste eines Seidentuchs hingen. Ihr Kopf war in einem Winkel von 90 Grad verrenkt und ruhte auf einem Pelzmantel, der ein Damenkostüm von undefinierbarer Farbe bedeckte. Um den Hals trug sie drei unterschiedlich lange Ketten. Rings um die Leiche lagen ein Täschchen, ein Schminkköfferchen, wie man es früher benutzt hatte, ein offenes Parfümfläschchen und eine Metallschatulle aus einem Safe. Leseprobe

Bekanntes Ermittlerteam

Eine Tote aus längst vergangenen Zeiten - Vanina ist sofort mehr als neugierig. Die Leiterin der Abteilung 'Straftaten gegen Leib und Leben' in Catania kommt gebürtig aus Palermo und war vorher - selbstverständlich - bei der Anti-Mafia-Einheit. Und natürlich wurde ihr Vater von der Mafia ermordet, vor den Augen seiner Tochter, die daraufhin Rache schwor und zur Polizei ging.

Auch das der Ermittlerin zur Seite gestellte Personal ist aus diversen anderen Krimis bereits in weiten Teilen bekannt: Da ist der obrigkeitshörige Staatsanwalt, dessen einzige Sorge zu sein scheint, die feine Gesellschaft Catanias nicht zu sehr mit den Ermittlungen zu belästigen. Der störrische Chef der Spurensicherung muss ständig zum Jagen getragen werden - und in Vaninas Team ermittelt selbstverständlich auch eine blonde Norditalienerin. Gemeinsam mit mehreren Einheimischen, die mithilfe ihrer Verwandtschaft Informationen über so gut wie jeden Einwohner Siziliens beschaffen können.

"Also, Kinder", begann Vanina, setzte sich mit einer Pobacke auf die Ecke des Schreibtischs und stellte ein kleines Tablett mit einem Becher ab, aus dem es nach Kaffee duftete. "Fassen wir zusammen. Seit gestern wissen wir, dass wir es hier mit keinem, sagen wir … gewöhnlichen Fall zu tun haben. (…) Vermutlich besteht kein Grund zur Eile (…), aber wir sollten keine Zeit verlieren. Wenn die Nachricht erst einmal die Runde gemacht hat, was schätzungsweise recht bald passiert, wird die Sache gehörig Staub aufwirbeln. Familie Burrano ist bekannt und hat schon einen Mord in ihrem Stammbaum zu verzeichnen. Außerdem ist Catania ein großes Dorf. Bei so einer Geschichte bricht die Hölle los." Leseprobe

Natürlich wird auch der alte Mord neu aufgerollt werden müssen. Und weil es gar so kompliziert ist, bindet die Ermittlerin einen Kommissar im Ruhestand mit ein.

Sizilianische Spezialitäten

Zum Glück hat Vanina ein Faible für vertrackte Fälle - genau so wie für alte italienische Filme und für gutes Essen. Davon profitieren auch Leserin und Leser. Sie erfahren, wo in Sizilien es welche Spezialität gibt: Biscotti dello sciatore, Skifahrer-Kekse aus dem Ort Zafferana Etnea werden ebenso genussvoll verzehrt wie scacce, gefüllte Teigtaschen aus Ragusa - und die pasta chi masculini aus Catania, ein traditionelles Nudelgericht aus Sardellen, Rosinen und wildem Fenchel. Dazu gibt es Drinks, die Mandarino oder Seltzer heißen, und viele Ausflüge an sehenswerte Orte auf der Insel.

Ärgerliche Schlampereien

Soweit die angenehmen Teile des Romans. Was dagegen wirklich nervt, sind die vielen kleinen Schlampereien. Das geht bereits im Klappentext los: Von einer verschworenen Dorfgemeinschaft ist da unter anderem die Rede - die Menschen in Siziliens zweitgrößter Stadt Catania, wo überwiegend ermittelt wird, würden sich bedanken, wenn sie das hörten! Außerdem steht da was von Hochsommer, obwohl der Krimi Mitte/Ende September spielt. Aber auch im Buch selbst heißt es irgendwann (vgl. S.54), dass die Sonne brenne, obwohl noch gar nicht richtig Sommer sei. Am ärgerlichsten wird es, als das Verbrechen erst 1959, ein paar Seiten später dann 1969 geschieht (vgl. S. 56). Über solche Nachlässigkeiten bei Übersetzung und Lektorat können leider auch die knusprigsten Arancine-Reisbällchen nicht hinwegtrösten.

Schwarzer Sand

von Cristina Cassar Scalia
Seitenzahl:
432 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Italienischen von Christiane Winkler
Verlag:
Limes
Bestellnummer:
978-3-8090-2719-5
Preis:
16,00 €

Dieses Thema im Programm:

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