Stand: 08.08.2018 15:02 Uhr

Ein schwelendes Familiengeheimnis

Sechs Koffer
von Maxim  Biller
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Maxim Biller, Jahrgang 1960, lebt seit 1970 in Deutschland. Der Roman handelt auch über unsere zerrissene moderne Welt.

Ein großes Geheimnis lastet auf dieser Familie: Etwas Schlimmes ist einst geschehen, und einer trägt dafür die Verantwortung. Nur wer? Die Älteren wissen es wohl noch, aber ihre Kinder müssen rätseln, werden unterdessen auch älter, gründen eigene Familien - und immer ist da dieses Geheimnis, es lässt sich nicht lüften und schon gar nicht verdrängen. Von der Macht des Geheimnisses erzählt Maxim Biller in seinem neuen Roman "Sechs Koffer". Biller, 1960 in Prag als Sohn russischer Emigranten geboren, die zehn Jahre später, 1970, mit ihren Kindern in den Westen gingen, nach Hamburg, lebt und schreibt heute in Berlin.

Eine kleine Wohnung in Prag, 1965. Da ist ein Kind, ein kleiner Junge, er schaut auf das Gewusel der Großen und denkt sich vielleicht: Was habe ich für schwer erziehbare Eltern.

Wie ein dunkler Schatten

Was sie so tuscheln und was sie verbergen - es ist nicht herauszufinden. Irgendetwas Dunkles verschattet die Gemüter, es hat mit dem Opa zu tun, den sie alle jiddisch Tate, Vater, nennen und der vor ein paar Jahren in russischer Haft hingerichtet wurde. Hingegen steht die Entlassung von Onkel Dima kurz bevor: er war nach einem ziemlich dilettantischen Fluchtversuch fünf Jahre lang in Pankrác, dem berüchtigten Knast für Staatsfeinde, eingesperrt.


"
Wahrscheinlich, dachte mein Vater, während er wie ein trotziges Kind ein paar Mal die Schreibtischlampe an- und wieder ausmachte, haben sie Dima in Pankrác etwas unterschreiben lassen. Nein, ganz bestimmt sogar, und bestimmt hatte er ihnen alles erzählt, was sie wissen wollten. Die Frage war nur, ob sie schon vorher von den Geschäften des Taten gewusst hatten, und wenn ja, von wem. Es konnte ihn schließlich jeder verraten haben, dem der Tate alte amerikanische Nähmaschinen oder französisches Parfum besorgt hatte, jeder, der ihm noch Geld schuldete oder der einfach nur wütend war auf diesen freundlichen, stillen Juden aus Ruthenien, weil der es schaffte, für seine Familie besser zu sorgen als die meisten Russen." Leseprobe

Hier haben wir es zu tun mit einem mitwachsenden Erzähler. Es ist immer derselbe Maxim, aber er wird älter, die Perspektiven verschieben sich. Mit 15 lauten seine Interessen: Sex - und das Geheimnis. Warum musste Tate sterben? Wer hat wen verraten in der Familie? Warum verachtet Mutter Rada ihre Schwägerin Natalia so ungemein?

Der Spion in der eigenen Familie

Maxim nistet sich als Spion bei Onkel Dima ein, wühlt auf der Suche nach der Wahrheit in dessen Unterlagen. Jemand muss doch Schuld haben! Oder?

"Und plötzlich schämte ich mich. Ich war ein kleiner, gemeiner Berija, ein Besserwisser, ein eingebildeter, ahnungsloser Teenager, dessen größte Sorge es war, dass er von seinem Vater nicht beim Rauchen erwischt wurde und dass seine Mutter nicht die Taschentücher unter seinem Bett fand, mit denen er sich nach dem Onanieren abwischte und die er dort regelmäßig vergaß. Was hätte ich, dachte ich, damals eigentlich an Dimas Stelle oder an der Stelle meiner Eltern getan? Wäre ich geblieben, wäre ich geflohen, hätte ich selbst meine engsten Freunde und Verwandten verraten, wenn die Kommunisten mich erwischt hätten?" Leseprobe

Der Erzähler wird erwachsen, anderes wichtiger in seinem Leben, aber die bedrängende Macht des Geheimnisses flackert immer wieder auf.

Vom Schleudertrauma der Geschichte

Cover: "Sechs Koffer" © Kiepenheuer & Witsch Verlag

Maxim Biller: "Sechs Koffer"

NDR Kultur - Neue Bücher -

Ein großes Geheimnis lastet auf der Familie: Etwas Schlimmes ist geschehen, und einer trägt dafür die Verantwortung. Nur wer? Von dieser Macht des Geheimnisses erzählt Maxim Biller.

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Lakonisch, einfühlsam und mit großer Liebe für alle - alle! - Figuren erzählt der Roman vom Schleudertrauma, das einem die Geschichte zufügt. "Realität und Dichtung stelle ich mir immer so vor: Der erste Steinzeitmensch hebt ein verkohltes Stück Holz auf in der Höhle und malt an die Höhlenwand ein Mammut. Und die anderen schreien: 'Ein Mammut, ein Mammut!' und laufen weg," so Maxim Biller.

Am Ende fördert der NDR eine Antwort zutage. Die Schwester des Erzählers, Schriftstellerin auch sie, ist zum langen Gespräch ins Funkhaus in der Hamburger Rothenbaumchaussee geladen. Die Moderatorin fragt, wer denn nun wirklich schuld sei am Tod des Großvaters.

"Meine Schwester sagte lange nichts, die Moderatorin schluckte laut und unsicher, und schließlich sagte Jelena: 'Das geht niemanden etwas an. Das verstehen Sie doch, oder?' - 'Nein, das verstehe ich eigentlich nicht', sagte die Moderatorin höflich und plötzlich sehr streng, und dann erzählte ihr Jelena, wie es wirklich gewesen war." Leseprobe

Dichtung oder Wahrheit? Hilfe, ein Mammut!

Sechs Koffer

von
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch Verlag
Bestellnummer:
978-3- 462-05086-8
Preis:
19,00 €

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