Stand: 12.05.2017 15:39 Uhr

"Alle politische Macht den Vulkaniern!"

Gegen Demokratie. Warum wir die Politik nicht den Unvernünftigen überlassen dürfen
von Jason Brennan
Vorgestellt von Patric Seibel

Ist das allgemeine Wahlrecht wirklich das Beste für die Demokratie? Jason Brennan sagt: Nein! Seinem Buch "Gegen Domokratie" nach, sollten nur die führenden Köpfe einer Gesellschaft über die Regierung abstimmen dürfen.

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Funktioniert Demokratie? Sollten nicht lieber nur Experten über Politik entscheiden dürfen? Fragen aus dem Buch "Gegen Demokratie".

Donald Trump, Marine Le Pen, Geert Wilders - die Tatsache, dass diese und andere Politiker ähnlicher Strickart so viele Anhänger und Wähler haben, erschüttert die Demokratien. Viele der bisher klaren Ziele - wie die Durchsetzung der Menschenrechte - scheinen plötzlich zur Debatte zu stehen.

Was ist falsch am System?, fragen viele der Erschütterten. Ist etwa das allgemeine Wahlrecht ein Fehler der Demokratie? Der amerikanische Philosoph und Politikwissenschaftler Jason Brennan bejaht das. Sein Buch "Gegen Demokratie" wird heiß diskutiert.

Der Hobbit - ein typischer Nichtwähler

Nach Brennan gibt es drei Idealtypen von Bürgern in Demokratien: Vulkanier, Hooligans und Hobbits. Er sagt: "Wenn Sie jemals die 'Herr der Ringe'-Filme gesehen oder die Bücher gelesen haben, haben Sie schon mal Hobbits gesehen. Und die politische Entsprechung für Hobbits in der modernen Demokratie sind die typischen Nichtwähler. Die meisten Nichtwähler interessieren sich nicht für Politik, sie haben sehr wenige, wenn überhaupt politische Meinungen, sie beteiligen sich nicht viel und sie wissen nicht viel."

Der Hooligan - fest gefahrene Überzeugungen

Für noch gefährlicher hält Brennan allerdings den Typ des politischen Hooligans: interessierte und engagierte Bürger mit allerdings meist festgefahrenen Überzeugungen und dem Hang zur Leidenschaft:

Die meisten regelmäßigen Wähler, politischen Aktivisten, Parteimitglieder und Politiker sind Hooligans. Zitat aus dem Buch "Gegen Demokratie"

Nur der Vulkanier denkt rational

Lediglich die dritte Gruppe, die Vulkanier, wie sie Brennan nach der Figur des Mr. Spock aus der Serie "Raumschiff Enterprise" nennt, denken in politischen Dingen wissenschaftlich und rational. Die Vulkanier bildeten aber eine verschwindende Minderheit, weswegen alle Modelle von deliberativer Demokratie, also vom Ausdiskutieren der verschiedenen Standpunkte, nicht funktionieren könnten.

Die Kompetentesten gegen eine "verfehlte" Politik

Brennan beurteilt Demokratien strikt nach ihren politischen Ergebnissen. Und um die Staatsbürger vor den schlechten Folgen einer verfehlten Politik zu schützen - was auch immer verfehlt heißt -, möchte er nur noch die Kompetentesten darüber abstimmen lassen - etwa 25 Prozent. Diese müssten sich, so schlägt er vor, einem Wissenstest unterziehen, eine Art Wählerabitur vorweisen.

Sollten wir nicht genauso, wie wir die Emissionen regulieren, um die Luftverschmutzung zu verringern, auch die Wahlbeteiligung regulieren, um die Wahlverschmutzung zu verringern? Zitat aus dem Buch "Gegen Demokratie"

Ist das allgemeine Wahlrecht "unvernünftig"?

Brennans Thesen sind polemisch, Brennans Thesen sind provokant. Aber dass die Wahl Trumps oder das Votum zum Brexit etwa Sternstunden überdurchschnittlicher Wählerweisheit gewesen wären, darf man anzweifeln. 

Brennan bringt auf Hunderten von Seiten Argumente gegen die Vernünftigkeit des allgemeinen Wahlrechts. Er macht keinen Hehl daraus, dass er es abschaffen möchte. Er zitiert seitenweise Experimente und Erkenntnisse der politischen Psychologie, die seinen Standpunkt stützen. Und manche seiner Argumente klingen durchaus plausibel.

Gefährliche Thesen, die zur Ausgrenzung führen

Aber wie gefährlich Brennans Ideen sind, zeigt diese Passage aus seinem Buch:

Es besteht eine negative Korrelation zwischen politischen Kenntnissen und schwarzer Hautfarbe und eine ausgeprägte negative Korrelation zwischen solchen Kenntnissen und der Zugehörigkeit zur Gruppe der Afroamerikanerinnen. Zitat aus dem Buch "Gegen Demokratie"

Was wäre die Folge solcher Erhebungen? Dürften schwarze US-Bürger dann nicht mehr wählen? Brennan beeilt sich zwar zu erklären, er sei kein Rassist. Doch die Konsequenzen seiner Thesen wären Bevormundung und Ausgrenzung.

Schluss mit der politischen Debatte?

Der Kardinalfehler des Autors liegt in seiner Politik- und Demokratiedefinition. Demokratie wird eben nicht nur durch ihre Ergebnisse bestimmt, sondern durch den Prozess des Diskutierens und Aushandelns. Dass jede Stimme gleich viel zählt, das ist das beste Argument zu ihrer Legitimation und zumindest ein Modell für soziale Teilhabe aller.

Was ist wahr, was die "beste" Politik?

Ein weiterer gravierender Fehlschluss: Brennan geht ganz naiv davon aus, es gebe neben der Welt der bloß subjektiven Meinungen eine Welt der objektiven Wahrheiten. Dabei sind selbst wissenschaftliche Erkenntnisse niemals wertfrei entstanden. Und zum Beispiel über die richtige Wirtschaftspolitik streiten die Experten oft mit geradezu theologischer Inbrunst.

Experten-Diktatur ist eine gruselige Vorstellung!

Das Hauptproblem des Buches: Wer bestimmt über die Berechtigung zur Wahl? Wer legt die Kriterien fest, nach denen ausgewählt wird? Eine Experten-Diktatur, eine Epistokratie, wie es bei Brennan heißt, ist eine gruselige Vorstellung, die vor mehr als 2.000 Jahren schon der griechische Philosoph Platon überdachte. Und so ist Brennans Buch insgesamt ein zwar lautstarkes, aber inhaltlich schmalbrüstiges Plädoyer für einen Demokratie-Rückbau.

Wenn man allerdings bedenkt, welche Macht nichtgewählte Experten und Lobbyisten schon heute in Berlin und Brüssel haben und wie populär die Idee der Technokratie geworden ist, dann ist in der Arena der Macht schon einiges von dem durchgesetzt, was Brennan für die Arena der Wahl vorschlägt.

Gegen Demokratie. Warum wir die Politik nicht den Unvernünftigen überlassen dürfen

von
Seitenzahl:
464 Seiten
Verlag:
Ullstein
Veröffentlichungsdatum:
7. April 2017
Bestellnummer:
978-3-5500-8156-9
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 13.05.2017 | 10:20 Uhr

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