Cover von Stefanie vor Schultes "Junge mit schwarzem Hahn" © Diogenes Verlag

Stefanie vor Schultes märchenhaftes Debüt über entführte Kinder

Stand: 10.09.2021 06:00 Uhr

Stefanie vor Schultes Romandebüt "Der Junge mit dem schwarzen Hahn" handelt von einem Jungen, der sich auf die lebensgefährliche Suche nach entführten Kindern macht. Das Märchen für Erwachsene bietet trotz grausamer Geschichte eine beglückende Lektüre.

von Claudia Ingenhoven

Eine grausame Geschichte und eine beglückende Lektüre. Man muss das vorwegnehmen - wer wollte sonst lesen, was ein elfjähriger Junge vor vielleicht 500 Jahren erlebt hat? Als Kleinkind musste er mit ansehen, wie sein Vater die Geschwister und die Mutter erschlagen hat.

Martin blieb unverletzt, wie auch der schwarze Hahn, den er seitdem ständig auf der Schulter oder unterm Hemd trägt. Der Vogel wärmt ihn und er vertreibt mit seinem Gekreische Menschen, die nicht ertragen, dass ein so bedächtiges, aufmerksames Kind heranwächst.

Und es ist sicher, dass er niemandem davon berichten darf, wie der Hahn zu ihm spricht. Denn alle würden meinen, mit der Stimme des Teufels, aber Martin weiß, mit dem Teufel hat der Hahn so wenig zu tun wie er selbst. Leseprobe

Aberglaube, Gottesfurcht - und ein Mythos?

Das Leben der Dorfbewohner wird von Aberglauben und Gottesfurcht dirigiert. Sie sollen gegen Hunger und Kälte helfen, gegen die Verheerungen der Pest und die Folgen des Krieges. Jeder trachtet nach dem eigenen Vorteil. Mitgefühl? Unbekannt. Im Wirtshaus kursieren finstere Geschichten von schwarzen Reitern, die Kinder entführen. Martin glaubt kein Wort. Er sieht ja, wie sich die Männer mit Fusel um den Verstand trinken. Bis er selbst das Grauen erlebt.

Da merkt er einen Luftzug, aber erst als ihn etwas am Kopf trifft, ist plötzlich alles da: die donnernden Hufe eines Pferdes, das Schnauben, der Mantel des Reiters, der ihm an die Wange schlägt. In der einen Sekunde galoppiert der Reiter an Martin vorbei, senkt die Hand zum Mädchen, hebt es hoch, als wäre es nichts, und stopft es sich unter den Mantel, dieses Stück Finsternis im milchigen Frost. Irgendwo in dieser Finsternis ist nun das Kind, dem nicht ein Schrei entronnen ist. Leseprobe

"Junge mit schwarzem Hahn" auf der Suche nach entführten Kindern

Martin will das entführte Mädchen finden. Er will dem Schrecken der schwarzen Reiter ein Ende bereiten. Um aus dem Dorf zu kommen, schließt er sich dem Maler an, der gerade in der Kirche das Altarbild gefertigt hat. Er wird jetzt über Land ziehen, bis an den Fürstenhof, und Porträts reicher Familien malen. Er ist der einzige Mensch, der ein freundliches Wort an Martin richtet. Alle anderen kämpfen ums Überleben. Die Fürstin besteht auch in den Hungerjahren erbarmungslos auf hohe Abgaben.

Den Hahn gilt es jetzt unablässig zu verstecken. Jeder, der ihnen über den Weg läuft, hat hohle Wangen und die Augen glänzen im Fieber. Sie würden einander umbringen, um den Hahn zu fressen. Warum fressen sie da eigentlich nicht gleich einander. Wahrscheinlich tun sie es längst. Leseprobe

Stefanie vor Schultes Märchen für Erwachsene

Stefanie vor Schulte hat eine kontrastreiche, bildhafte Sprache gefunden: mal drastisch und kantig, mal leise und zart. Immer wieder lässt sie Martin auch einen Schimmer an Zuversicht finden, so dass man bei der lebensgefährlichen Suche nach den entführten Kindern unbedingt an seiner Seite bleiben will.

Vor Schulte erzählt von einem Kind mit unverbrüchlichem Gerechtigkeitssinn und großer Widerstandskraft. Was ihr dabei besonders gut gelingt, steht zwischen den Zeilen: Martin bleibt stark, wenn er Ermutigung findet. Ein Wort des Malers, eine Geste von Franzi, die im Wirtshaus arbeitet - und irgendwann traut Martin sich, selbst zu suchen.

Stefanie vor Schulte hat diesen Roman wie ein Märchen für Erwachsene geschrieben. Grausam, poetisch, mit einem märchenhaften Schluss. Ein wunderschönes Debüt.

Junge mit schwarzem Hahn

von Stefanie vor Schulte
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes
Veröffentlichungsdatum:
25. August 2021
Bestellnummer:
978-3-257-07166-5
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.09.2021 | 12:40 Uhr

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Romane

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