Stand: 12.07.2018 15:14 Uhr

Starkes Debüt mit streunendem Wolf

Hier ist noch alles möglich
von Gianna  Molinari
Vorgestellt von Jürgen Deppe
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Gianna Molinaris schnörkelloser Debütroman über Identitätsfindung und Abgrenzung.

Vor ziemlich genau einem Jahr gewann die Schweizerin Gianna Molinari beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt den 3sat-Preis. Der Roman aus dem sie damals las heisst "Hier ist noch alles möglich".

 

Ein Wolf auf dem Fabrikgelände

"Warum bist du eigentlich in die Fabrik gekommen, fragt Clemens. Du könntest anderes tun. Studieren, reisen. Warum bist du hier, fragt er. Es gefällt mir hier. Das ist ein guter Ort. Hier ist noch alles möglich. Sogar Wölfe, sagt Clemens. Sogar die." Leseprobe


Als Nachtwächterin hat die junge Frau in der Fabrik angeheuert - einer Fabrik für Verpackungsmaterial, die kurz vor der Schließung steht. Kaum mehr als eine Handvoll Menschen sind noch dort: der Chef, ein Vorarbeiter namens Lose, der Kantinenkoch, ein Fahrer und eben Clemens, der Kollege, mit dem sie sich die langen Nachtwachen teilt.

"Ich möchte die Arbeit als Nachtwächterin nicht gegen meine frühere Arbeit in der Bibliothek eintauschen. Zwar haben die beiden Arbeitsstellen einige Gemeinsamkeiten. In der Bibliothek suchte ich nach bestellten Büchern und trug sie zusammen. In der Fabrik suche ich nach einem Wolf. In der Bibliothek wie auch bei der Arbeit als Nachtwächterin ist das Tageslicht rar." Leseprobe

Im Notitzbuch der Nachtwächterin: Der Flüchtling

Der Wolf. Er ist allgegenwärtig, obwohl niemand weiß, ob es ihn auf dem Fabrikgelände wirklich gibt. Der Koch will es gesehen haben: Das wilde Raubtier, die menschenbedrohende Naturgewalt, das mystische Fabelwesen. Sicher ist das nicht, aber man trifft Vorkehrungen, stellt Fallen auf, hebt eine Grube aus. Die wenigen Gewissheiten notiert die Nachtwächterin in ihr "Universal-General-Lexikon", in das sie auch einfache Zeichnungen strichelt und Ausdrucke verschwommener Fotos klebt. Zum Beispiel zum Mann, der vom Himmel fiel: "MDVHF" - Mann der vom Himmel fiehl".


"In einem Waldstück in der Nähe eines Flusstobels wurde die Leiche eines dunkelhäutigen Mannes gefunden. Es wird vermutet, dass der Mann ein afrikanischer Flüchtling ist, der als blinder Passagier im Schacht eines Flugzeugfahrwerks mitgeflogen ist. Es ist davon auszugehen, dass er bereits während des Fluges erfroren und beim Landeanflug in die Tiefe gestürzt ist." leseprobe

Sinnieren über "Identität"

Dieser Mann ohne Identität, aber mit einem gelebten Leben, bereitet der Nachtwächterin viel Kopfzerbrechen. Genauso wie die Frau, die als Phantombild einer Bankräuberin im Ort kursiert. Auch sie hat keine Identität, aber sehr viel Ähnlichkeit mit der namenlosen Nachtwächterin. In ihr "Universal-General-Lexikon" schreibt sie zum Stichwort:


"Phantombild: Vom Mann, der vom Himmel fiel, wurde kein Phantombild erstellt." Leseprobe


Das Ganze ist in einer fast schon spröden Nüchternheit erzählt, frei von jeglicher Emphase. Aber kurioserweise ist es gerade deshalb umso fesselnder. Die Weite der Hallen, die Schwärze der Nacht, die Pixel der Monitore, die Knappheit der Kommunikation - sie stehen für eine existentielle Leere, und die fast schon hoffnungsvolle Erwartung eines Wolfs für eine Sehnsucht ganz anderer Art. Denn hier scheint alles noch möglich. Ein starkes Debüt!

Hier ist noch alles möglich

von
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Aufbau Verlag
Bestellnummer:
978-3-351-03739-0
Preis:
18,00 €

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