Buchcover: Alejandro Zambra - Fast ein Vater © Suhrkamp Verlag

"Fast ein Vater": Berührender Roman über das Vatersein

Stand: 23.06.2021 09:36 Uhr

Vor drei Jahren bekam der chilenische Autor Alejandro Zambra, der in Mexiko lebt, ein so starkes Heimweh, dass es ihn innerlich fast zerriss. Außerdem war er Vater geworden. Beide Erfahrungen haben Zambra zu seinem neuen Roman "Fast ein Vater" inspiert, einer in Chile angesiedelten Geschichte.

Buchcover: Alejandro Zambra - Fast ein Vater © Suhrkamp Verlag
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von Tobias Wenzel

"Mit 18, 19 Jahren habe ich den tiefen und belebenden Wunsch verspürt, Teil der chilenischen Dichtung zu werden", erzählt Zambra. "Wir jungen Chilenen hatten damals das Gefühl, Chile sei ein schreckliches Land, habe aber eine wunderbare Dichtung."

Berührendes Buch mit skurrilen Einfällen

Alejandro Zambra hat sich mit seinem Roman "Fast ein Vater" in die Zeit zurückgeschrieben, in der in der chilenischen Dichterszene schon mal die Fäuste flogen. Schließlich ging es um Poesie, also etwas, das in Chile bis heute von nationaler Bedeutung ist. "Fast ein Vater" ist ein berührendes Buch mit wunderbar skurrilen Einfällen, ein Roman über das Vatersein, die Liebe und eben das Dichten. Die beiden Jugendlichen Gonzalo und Carla verlieben sich Anfang der 90er-Jahre in Santiago de Chile ineinander. Da der erste Sex äußerst unglücklich verläuft, liest Gonzalo zum Ausgleich seiner Freundin im Stundenhotel eigene Sonette vor:

Sie hielt ihn für schön, und es wäre fabelhaft gewesen, wenn ihr auch seine Gedichte gefallen hätten, die sie dennoch respektvoll und mit einem Lächeln anhörte, das heiter und entspannt sein sollte, aber eher von Melancholie zeugte. Als Gonzalo mit dem fünften Sonett anfing, schwoll ein Stöhnen aus dem Nebenzimmer an, von dem sie nur eine dünne Wand trennte.

Erfrischend ironisch

Gonzalo und Carla trennen sich, finden aber Jahre später wieder zueinander. Sie hat inzwischen einen Sohn, Vicente. Und Gonzalo wird für Vicente - daher der deutschsprachige Titel des Romans - "Fast ein Vater". Dann aber trennen sich Carla und Gonzalo erneut; er verwirklicht sich selbst mit seinem ersten Gedichtband und einem Stipendium in New York. Vicente bleibt zurück bei seiner Mutter in Santiago. Sein leiblicher Vater ist zu egozentrisch, um eine tiefe Beziehung zu ihm aufzubauen. Und so reift in Vicente die Sehnsucht nach Gonzalo heran, neben dem Wunsch, selbst ein chilenischer Dichter zu werden.

Zambra bricht diesen Mythos der chilenischen Dichtung im Roman hier und da erfrischend ironisch: "Wenn man irgendeinen Chilenen fragt, ob es in Chile gute Dichtung gibt, wird er höchstwahrscheinlich ja antworten, obwohl er noch nie in seinem Leben ein Gedicht gelesen hat", sagt Zambra.

Alejandro Zambra: ein begnadeter Geschichtenerzähler

Die erste Hälfte von "Fast ein Vater" ist nichts weniger als Weltliteratur, bestechend übersetzt von Susanne Lange. In der zweiten Hälfte kann Zambra allerdings dieses Höchstniveau nicht ganz halten. Die Figur einer New Yorker Journalistin, die in Santiago für einen Artikel über die chilenische Poesie recherchiert, wirkt etwas blutleer im Vergleich zum melancholischen Gonzalo und seinem Stiefsohn Vicente, der als Kind süchtig nach Katzenfutter ist. Insgesamt ist der Autor ein Meister darin, in der Tragik etwas Komisches zu entdecken und selbst im dreisten Schürzenjäger, der Frauen notorisch schwängert, etwas allzu Menschliches.

Zambra hat einen großen Roman über die Vaterrolle und die Kraft der Dichtung geschrieben. Da verwundert es nicht, dass der Autor schon selbst versucht hat, mit einem eigenen Gedicht eine Frau zu erobern: "(lacht) Ja, natürlich. Allerdings war mein Glaube an die Kraft der Dichtung nicht so stark ausgeprägt wie bei Pablo Neruda. Ich war auch schüchterner als meine Figur Gonzalo. Und trotzdem hatte ich mich mit dem Virus der Dichtung infiziert. Allerdings konnte ich schon immer viel besser Geschichten erzählen als Gedichte schreiben."

Mit "Fast ein Vater" erweist sich Alejandro Zambra einmal mehr als begnadeter Geschichtenerzähler.

Fast wie ein Vater

von Alejandro Zambra
Seitenzahl:
459 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42971-6
Preis:
24,00 €

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