Die Quadriga auf dem Brandenburger Tor am Abend in Berlin am Pariser Platz © IMAGO / Winfried Rothermel Foto: Winfried Rothermel

Heinrich A. Winklers brisante Fragen über deutsche Geschichte

Stand: 27.08.2021 06:00 Uhr

Trägt Deutschland eine größere Verantwortung für den Beginn des Ersten Weltkriegs, als andere Nationen? Wie konnte Hitler an die Macht kommen? Diese Fragen stellt der Heinrich August Winkler im Sachbuch "Deutungskämpfe".

Heinrich August Winkler: "Deutungskämpfe" (Cover des Sachbuchs) © Hoffmann und Campe Verlag
Beitrag anhören 3 Min

von Otto Langels

Der inzwischen 82-jährige Winkler legt mit "Deutungskämpfe - Der Streit um die deutsche Geschichte" einen Band mit Aufsätzen aus den vergangenen Jahrzehnten vor. Darin geht es vor allem um deutsche Geschichte. Der längst emeritierte Hochschullehrer beschäftigt sich mit Themen, die unter Historikerinnen und Historikern immer wieder umstritten sind: das deutsche Kaiserreich als verspätete Nation, der deutsche Sonderweg, die Verantwortung Deutschlands für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der Aufstieg Hitlers oder die Westbindung der Bundesrepublik.

Schicksalsfragen der deutschen Geschichte seit 1871

Heinrich August Winklers Aufsatzsammlung enthält Beiträge von den 1960er-Jahren bis heute. Und das Erstaunliche ist: Auch die frühen Artikel haben nichts von ihrer Aktualität verloren.

Weitere Informationen
Ein Sohn in Uniform mit seinem uniformierten Vater im Jahr 1914 © picture alliance

Erster Weltkrieg: Vom Kriegsrausch zum Massensterben

Am 1. August 1914 erklärt Deutschland Russland den Krieg. Der Erste Weltkrieg beginnt, die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts". Auf anfänglichen Jubel folgt schnell die Ernüchterung. mehr

Der Autor beschäftigt sich mit Schicksalsfragen der deutschen Geschichte seit 1871: War Deutschland hauptverantwortlich für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs? War die Weimarer Republik zum Scheitern verurteilt? Und warum war Deutschland das einzige hoch entwickelte westliche Industrieland, das seine demokratische Ordnung zugunsten einer totalitären Diktatur aufgab?

Heinrich August Winklers Antwort auf die letzte Frage: "Hitler wurde zum Nutznießer einer Entwicklung, die weit ins Kaiserreich zurückreicht. Das deutsche Kaiserreich trägt den Stempel von Bismarcks Revolution von oben. Deutschland war keine parlamentarische, es war eine konstitutionelle Demokratie. Die Demokratie galt der deutschen Rechten von Anfang an als ein undeutsches System."

In jüngeren Darstellungen haben etwa Christopher Clark, Holger Afflerbach oder Hedwig Richter das Kaiserreich in ein milderes Licht getaucht, die positiven Seiten betont und die Verantwortung Deutschlands für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs relativiert. Dem widerspricht Heinrich August Winkler: "Niemand spricht heute mehr von einer deutschen Alleinschuld am Ersten Weltkrieg. Aber die beiden Mittelmächte, das Deutsche Reich und sein Hauptverbündeter, Österreich-Ungarn, tragen in der Tat eine Hauptverantwortung dafür, dass sich in der Julikrise von 1914 schließlich der Erste Weltkrieg ergab. Diesen Hauptanteil Deutschlands an der Julikrise von 1914, den sollte man nicht bestreiten."

Sachbuch "Deutungskämpfe": Gut lesbar und klar formuliert

Winklers Ausführungen sind gut lesbar und klar formuliert, er stellt Ereignisse in den historischen Kontext, skizziert Entwicklungslinien und liefert knappe Erläuterungen für diejenigen, die mit der Materie nicht vertraut sind. Der Autor streift - außer dem Kaiserreich - die Zeit zwischen den Weltkriegen, das geteilte Deutschland, die Studentenrevolte von 1968 sowie die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR.

Weitere Informationen
Von bewaffneten Volkspolizisten bewachte Bauarbeiter errichten die Mauer zwischen Potsdamer Platz und Lindenstraße. © picture-alliance / AKG Foto: AKG Berlin

Ein Volk wird eingesperrt: Der Mauerbau vor 60 Jahren

13. August 1961: Das DDR-Regime beginnt mit dem Bau der Berliner Mauer. 28 Jahre teilt sie die Stadt in zwei Teile. Ein Dossier. mehr

Prägende Jahrzehnte sowjetischer Besatzung in der DDR

Die Folgen der prägenden Jahrzehnte unter sowjetischer Besatzung seien Jahrzehnte später noch spürbar: "Das hat zu einer vergröbernden Distanzierung geführt, dass viele Vorurteile gegenüber der westlichen Demokratie in der Bevölkerung erhalten blieben. Auch so lässt sich meiner Ansicht nach die Tatsache erklären, dass die AfD in den neuen Bundesländern deutlich stärker ist als in den alten Ländern, obwohl die AfD durchaus eine westdeutsche Erfindung und eine ihrer problematischsten Erfindungen ist."

Heinrich August Winkler spitzt bisweilen zu, er verwendet prononcierte Formulierungen und schreckt manchmal auch nicht vor Kollegenschelte zurück. Damit provoziert er sicherlich Widerspruch, aber seine Aufsätze, auch die älteren, bereits vor Jahrzehnten erschienenen, sind immer noch mit Gewinn zu lesen.

Weitere Informationen
Männer der SA und Adolf Hitler stehen 1933 vor dem Braunschweiger Residenzschloss und erheben den Arm zum Hitler-Gruß. © picture-alliance / akg-images Foto: akg-images

NS-Wahlkampf und Machtübernahme im Norden

1931 marschieren 100.000 SA-Männer durch Braunschweig. Mit Machtdemonstrationen kämpfen sich die Nazis an die Macht. Zeitzeugen erinnern sich. mehr

Ein Paar geht vor der Berliner Mauer entlang. © mdr/rbb/Sebastian Wagner

"Wir Kinder der Mauer": Doku über Kindheit und Jugend in der DDR

Die ARD-Doku "Wir Kinder der Mauer" erzählt die Geschichte von 20 Heranwachsenden zwischen 1961 und 1989. mehr

Viele Stapel Bücher auf Tischen und in Regalen einer Buchhandlung. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Jan Woitas

Die interessantesten literarischen Neuerscheinungen 2021

Neue Romane von Edgar Rai, Eva Menasse und Henning Ahrens sowie eine ganz persönliche Inselgeschichte von Isabel Bogdan. mehr

Peter Drauschke als Jugendlicher vor der Kulisse des Hamburfger Hafens. © Peter Drauschke, privat

Freiwillig in die DDR: "Wir sind einer Lüge aufgesessen"

Aus Überzeugung geht Peter Drauschke 1963 von Hamburg in die DDR. Vom Regime enttäuscht, versucht er zu fliehen. Und scheitert. mehr

Deutungskämpfe - Der Streit um die deutsche Geschichte

von Heinrich August Winkler
Seitenzahl:
278 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
C. H. Beck Verlag
Bestellnummer:
978-3-406-77405-8
Preis:
26 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.08.2021 | 18:00 Uhr

Peter Longerich: "Antisemitismus: Eine deutsche Geschichte - Von der Aufklärung bis heute" (Cover) © Siedler

"Antisemitismus - eine deutsche Geschichte" von Peter Longerich

Longerich beschreibt die verschiedenen Formen des Antisemitismus in Deutschland. Das Buch ist für den NDR Sachbuchpreis nominiert. mehr

Hans von Trotha: "Die große Illusion. Ein Schloss, eine Fassade und ein Traum von Preußen" (Cover) © Rowohlt

Hans von Trothas Sachbuch zum Schloss in Berlin mit dem Humboldt Forum

Das Humboldt Forum hat eröffnet: in der größten Projektionsfläche Berlins, dem Schloss. Der Historiker Hans von Trotha beschreibt die Hintergründe. mehr

Götz Aly: "Das Prachtboot - Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten" (Cover) © Fischer
5 Min

Sachbuch-Rezension: Götz Aly - Das Prachtboot

Götz Aly dokumentiert, wie brutal deutsche Händler, Abenteurer und Ethnologen in der Südsee auf Expedition und Raubsuche gingen. 5 Min

Buchcover: "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" - Yuval Noah Harari © c.h.beck Verlag

Miteinander reden statt brüllen

In "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" hinterfragt der Historiker Yuval Noah Harari grundsätzliche Phänomene unserer Zeit - wie die Bedeutung der Religion oder des Nationalstaats. mehr

Mehr Kultur

Antje Ravik Strubel gewinnt den Deutschen Buchpreis 2021 © Sebastian Gollnow/dpa POOL/dpa Foto: Sebastian Gollnow

Antje Rávik Strubel erhält Deutschen Buchpreis 2021

Für ihren Roman "Die blaue Frau" ist Antje Rávik Strubel mit dem Deutschen Buchpreis 2021 ausgezeichnet worden. Thomas Kunst aus Stralsund ging leer aus. mehr