Stand: 21.06.2018 12:39 Uhr

Neuausgabe von "Sonnenfinsternis" erschienen

Sonnenfinsternis
von Arthur Koestler, nach dem deutschen Originalmanuskript
Vorgestellt von Jan Ehlert
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Im Archiv der Züricher Zentralbibliothek ist das Originalmanuskript zu "Sonnenfinsternis" wieder aufgetaucht.

Vor mehr als 70 Jahren befasste sich das Buch "Sonnenfinsternis" von Arthur Koestler als einer der ersten Romane mit den grausamen Foltermethoden Josef Stalins. Nun ist eine Neuausgabe des Buches erschienen, die in vielerlei Hinsicht originaler als die deutsche Erstausgabe ist.

Im Krieg ging das Manuskript verloren

Frankreich, Anfang Mai 1940: Die deutsche Invasion steht kurz bevor. Um einer Verhaftung zu entkommen, flieht der jüdische Schriftsteller Arthur Koestler aus dem Land. Seine Romanmanuskripte muss er zurücklassen. Auch den gerade erst fertiggestellten Text "Rubaschow". Die Geschichte handelt von einem führenden Parteimitglied in einem totalitären Staat, der für Verbrechen, die er nicht begangen hat, verhaftet und zum Tode verurteilt wird.

"Sie standen zu dritt vor dem Bett Rubaschows, der junge und der alte Beamte in ihren Uniformen, der Junge mit dem Revolver in der Hand, der Alte in strammer Haltung, wie man vor Vorgesetzten steht. 'Bürger Rubaschow, Nicolas Salmanowitsch, wir verhaften Sie im Namen des Gesetzes', sagte der Junge." Leseprobe

Trotz der Flucht konnte "Rubaschow" dennoch 1940 erscheinen. Koestlers damalige Lebensgefährtin, die Übersetzerin Daphne Hardy, hatte eine englische Version des Buches verfasst. Von ihr stammt auch der Titel "Darkness at Noon", also zu Deutsch "Dunkelheit am Mittag" oder eben "Sonnenfinsternis".

Einfluss des Buches auf die Nachkriegsordnung

Das Buch wurde ein Welterfolg. Möglicherweise trug es auch dazu bei, dass Frankreich sich nach dem Zweiten Weltkrieg gegen eine kommunistische Regierung entschied. Denn zu deutlich waren die Parallelen zu den Moskauer Schauprozessen, in denen Josef Stalin seine eigene Parteiführung zum Tode verurteilen ließ.

Die kommunistische Partei in Frankreich soll sogar alle verfügbaren Bücher aufgekauft haben, um deren Verbreitung zu verhindern. Vergeblich. 1946 erschien "Sonnenfinsternis" schließlich auch auf Deutsch. Koestler selbst hatte den englischen Text zurückübersetzt. Zufrieden war er damit jedoch nicht. In seiner Autobiografie schrieb er, dass das quälende Gefühl bestehen bleibe, dass die Spontaneität des Originals verloren gegangen sei.

Nach über 70 Jahren ist das Manuskript wieder aufgetaucht

Nun ist das Originalmanuskript wieder aufgetaucht. Ein Doktorand der Universität Kassel fand es im Archiv der Züricher Zentralbibliothek. Inhaltlich ist es mit der 1946 veröffentlichten Version nahezu identisch. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die sich unterscheiden. Andere Formulierungen, die den Sinn erhalten, aber eine noch dunklere und bedrohlichere Atmosphäre schaffen.

Zum Beispiel heißt es im ersten Satz des 1946 erschienenen Textes: "Die Zellentür schlug hinter Rubaschow ins Schloss". Im Originalmanuskript "knallte sie ins Schloss".

Wesentlich eindeutiger sind auch die Anspielungen auf Hitler. Statt der vagen Umschreibung eines "byzantinischen Führerkults" schreibt Koestler konkret vom "Hampelmann mit dem kleinen Schnurrbärtchen".

Vorteile der Doppelübersetzung

Andererseits wurde auch einiges Ungeschliffene durch die doppelte Übersetzungsarbeit ausgeglichen. So heißt es im Originalmanuskript:

"Ich kann doch nicht gestehen, was ich nicht begangen habe", sagte er mit leicht bebender Stimme. - Nein, tönte die Stimme Gletkins, das können Sie allerdings nicht." Leseprobe

Durch die Bearbeitung von Hardy und Koestler verschwand die Dopplung des Wortes "Stimme". Außerdem klingt die Stelle weitaus nüchterner.

"'Ich kann keine Verbrechen gestehen, die ich nicht begangen habe', sagte er. 'Nein', tönte Gletkins Stimme. 'Nein, das können Sie gewiss nicht." Leseprobe

Historische Bedeutung

Genau für diese sachliche Beschreibung der grausamen Verhöre wurde Koestlers "Sonnenfinsternis" gepriesen. Es war damals das richtige Buch zur richtigen Zeit, denn als sich Europa noch entsetzt über die unmenschlichen Verbrechen der Nationalsozialisten die Augen rieb, zeigte es, dass ein kommunistisches Regime nicht die friedliche Alternative war.

Solschenyzins "Archipel Gulag" oder Horst Bieneks "Workuta" sollten erst Jahrzehnte später erscheinen. Liest man "Sonnenfinsternis" heute, hat der Text daher natürlich viel von seiner Brisanz verloren. Als erschütterndes Zeitdokument wirkt er aber noch immer - und zwar in beiden Versionen.

Sonnenfinsternis

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Elsinor Verlag
Bestellnummer:
978-3-942788-40-3
Preis:
28,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.06.2018 | 12:40 Uhr

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