Buchcover: Olga Tokarczuk - Anna In © Kampa Verlag

Olga Tokarczuks Roman "Anna In": Ein wunderbarer Ritt

Stand: 03.06.2022 09:11 Uhr

In ihrem Roman "Anna In" knöpft sich die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk einen 4.000 Jahre alten Stoff vor: den Inanna-Mythos. Er ist die Ursprungsversion aller Geschichten über den Abstieg in die Unterwelt und liegt nun in einer Neuübersetzung vor.

Buchcover: Olga Tokarczuk - Anna In © Kampa Verlag
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von Juliane Bergmann

Ein flirrender Ort. Umherflitzende Leute. Modernste Architektur. Vom Himmel hängen Gärten, geschmückt mit Lichterketten, Lampions, Papierblumen. Rikschafahrer kurven durch die schmalen Gassen zwischen Wolkenkratzern hindurch. Und mittendrin im ausgetüftelten Geflecht aus Aufzügen ist sie unterwegs: Anna In, die kühne, schöne Herrscherin dieser futuristischen Stadt, die Göttin der Oberwelt.

Anna In sieht alles lebendig - jedes Rädchen der Welt. Der Aufzugplan leuchtet an der Wand - ein riesiges Knäuel von Linien, es erinnert an Nervengewebe mit all seinen Strängen, Bündeln und Abzweigen. Man selbst ist nicht mehr als ein winziger Impuls, eine kurzzeitig auftauchende Kuriosität des Raumes - das sollte man nie vergessen.

Anna Ins Reise in die Unterwelt

Fantasievoll und poppig sind die Welten, die Olga Tokarczuk für ihre Neuintepretation des sumerischen Inanna-Mythos erschaffen hat. Mit der Leichtigkeit und dem Drive eines Computerspiels erzählt sie von Anna Ins Reise in die Unterwelt. Auch die Architektur der Hölle ist beeindruckend - mit ihren Toren und Wärtern, ihren menschlichen Dämonen und schrägen Gestalten. Ein bisschen Fabelwelt-Ästhetik wie beim legendären Maler Hieronymus Bosch. Düster ist das Setting, aber keinesfalls gruselig. Die Göttin folgt dem Ruf ihrer Zwillingsschwester, die wiederum über die unterirdischen Katakomben herrscht. Folgenschwer ist die Begegnung der Schwestern:

Sie küssen einander auf die Wange. Zu sagen brauchen sie nichts - jede kennt wohl die Gedanken der anderen. Die Lippen der einen sind trocken und warm - die der anderen sind kalte und feuchte, bemooste Steine.

Anna In stirbt in den lichtlosen Höhlen ihrer Schwester. Niemand ist je von dort zurückgekehrt. Nun gilt es, sie zurück ins Leben zu holen. Eine hindernisreiche Rettungsaktion beginnt.

Märchenhafte Beschreibungen

Olga Tokarczuk ordnet ihre Geschichte in klare Dichotomien: Hell und Dunkel, Diesseits und Jenseits, Leben und Tod. Geradezu märchenhaft. Gleichzeitig wagt die Autorin Neues: Sie paart technische Errungenschaften und Phänomene der Gegenwart mit der Geschichte von der Erschaffung des Menschen und mit historischen Überlieferungen auf sumerischen Keilschriften. Auch feministische Kommentare blitzen auf: Die Göttermutter erschafft die guten Seelen, während die Götterväter machtberauscht und nichtsnutzig im von ihnen selbst so genannten Königreich der Büros abhängen.

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Bildstarke, hochpoetische Sprache

Besonders leuchtet die von Lisa Palmes übersetzte Sprache in diesem Roman. Die ist bildstark, aus der Zeit gefallen, hochpoetisch und immer wieder witzig. So beschreibt die Zwillingsschwester Anna Ins Welt - und gibt dabei ihre eigene Sehnsucht preis:

"Du hast Sonne und Mond, die Sterne und ihre Konstellationen; die Menschen hast du, Freunde, warme Nächte, Geruch und Geschmack. Du hast lebendige Liebhaber, ihre glatte Haut, ihre liebestrunkenen Körper, du hast Laken, Federbett, duftende Seifen, rosigen Puder und Lippenstifte. Du hast Streitigkeiten, auf die Einigung folgt, Albträume, aus denen man aufwachen kann, du hast Papier, das sich nicht gleich mit Schimmel überzieht, du hast Lieder, Gedichte, Geschichten. Um all das zu probieren, bräuchte man eine Million Leben. Solchen Reichtum besitzt du. Und ich? Möchtest du etwa mit mir tauschen?"

Die Schwestern - so heißt es auch im Buch - sind "wie zwei Seiten derselben Münze" - und vervollständigen einander. Entsprechend schaut Anna In bei ihrer Reise in die eigene Dunkelheit.

Mutig und entschlossen packt Olga Tokarczuk diesen bedeutungsschweren Stoff an. Das liest sich fließend und rhythmisch. Keine Spur von Pathos oder Muffigkeit. Was für ein wunderbarer Ritt durch eine fantastische Unterwelt!

Ein neuer Roman der Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk ist am Mittwoch in ihrer Heimat Polen erschienen. Der polnische Titel, der noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, lässt sich mit "Empusion. Ein Horror der Naturheilkunde" übersetzen und ist ein bewusster Verweis auf Thomas Manns Roman "Der Zauberberg", wie Tokarczuk der "Gazeta Wyborcza" sagte. Die Handlung des Buches beginnt im Herbst 1913 im Kurort Görbersdorf, dem heutigen Sokolowsko in Niederschlesien. Dort wurde 1855 die weltweit erste Tuberkuloseheilanstalt gegründet.

Anna In. Eine Reise zu den Katakomben der Welt

von Olga Tokarczuk
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Polnischen von Lisa Palmes (Neuübersetzung)
Verlag:
Kampa
Bestellnummer:
978-3-311-10074-4
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 03.06.2022 | 12:40 Uhr

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