Cover: Bettina Baltschev - Am Rande der Glückseligkeit. Über den Strand © Berenberg Verlag

"Am Rande der Glückseligkeit": Kulturgeschichte des Strandes

Stand: 25.06.2021 13:17 Uhr

Die Journalistin Bettina Baltschev besucht in ihrem schönen Buch "Am Rande der Glückseligkeit. Über den Strand" acht europäische Strände in acht verschiedenen Epochen.

Cover: Bettina Baltschev - Am Rande der Glückseligkeit. Über den Strand © Berenberg Verlag
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von Alexander Solloch

Die Franzosen sind, obwohl so großzügig mit Küste ausgestattet, eher Spätentwickler im Bereich der Strand-Liebhaberei. Sie fühlten sich - wie viele andere europäische Völker auch - noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein bedroht von der Nähe zum Wasser und hielten sich vom Strand, diesem "Überschwemmungsboden", lieber fern. Bettina Baltschev, die privat wie publizistisch eine Vorliebe für die Niederlande pflegt, kann auch in ihrer Kulturgeschichte des Strandes die Heldenrolle klar verteilen. Die "Erfinder" des Strandes sind die Niederländer.

Sie hofieren ihre Meister, die Künstler wie die Ingenieure, die hunderte Quadratkilometer Überschwemmungsboden trockenlegen, das Meer zähmen und ihm mehr und mehr Land abtrotzen. Gemäß der Devise "Gott schuf die Erde, aber die Niederländer schufen die Niederlande" lassen sie sich den Schlaf höchstens von brechenden Deichen rauben und erkennen die göttliche Grenzziehung zwischen menschenfreundlichem Festland und menschenfeindlichem Meer schlicht nicht an. Leseprobe

Die Geschichte des Strandes ist eine Geschichte des Menschen

Dies ist also eine Abenteuergeschichte, eine Wirtschaftsgeschichte, auch: eine Gesellschaftsgeschichte. Denn der Strand - einmal als neue Freizeitbühne etabliert - wird seit dem späten 19. Jahrhundert zu einer Art Laufsteg, zumindest für die Betuchten. Distinktion ist alles, stellt Bettina Baltschev fest:

So eine Sommerfrische ist eine ernsthafte Angelegenheit, denn für die Töchter und Söhne müssen passende Heiratskandidaten gefunden werden, die Dame will ihre neueste Garderobe präsentieren und der Herr des Hauses mit seinen erfolgreichen Geschäften prahlen. Leseprobe

Das klingt noch alles so frühlingsduftend heiter, aber die Geschichte des Strandes ist eine Geschichte des Menschen und damit verknüpft mit aller Liebe, aller Hässlichkeit, allem Schönen und Fürchterlichen, zu dem der Mensch imstande ist.

Der Strand in der Epoche der Finsternis

Bettina Baltschev, die zum einen mit Belesenheit imponiert, sich dann aber auch auf die Intuition einer brillanten Reporterin verlassen kann, besucht mit uns acht europäische Strände in acht verschiedenen Epochen; auch in der Epoche der Finsternis:

Krieg am Strand, es klingt wie ein Paradox. Heißt es doch, dass der Mensch diesen Ort, den er sich erst misstrauisch erobert und danach mit umso größerer Begeisterung aneignet, als Ort der Gedankenlosigkeit und Freiheit aufgibt, ihn seinem Wahnsinn unterwirft und zum Schlachtfeld macht. Die Strände Westeuropas werden im Verlauf des Zweiten Weltkriegs zum martialisch ausgestatteten Grenzstreifen, den die Deutschen auf einer fast dreitausend Kilometer langen Strecke zu halten versuchen. Vom nördlichsten Norwegen bis an die spanisch-französische Grenze wird die Küste mit Stacheldraht, Panzersperren und "Rommelspargel" bestückt, eine groteske Verniedlichung für eng beieinander stehende, senkrecht aufragende Holzpfähle, die die Landung von Flugzeugen verhindern sollen. Leseprobe

Einsamkeits- und Sehnsuchtsglück

Hier, in der Normandie, wo 1944 die Alliierten landeten, entschied sich der Krieg aufs Allerblutigste. Ischia im Golf von Neapel hingegen "heilt die verletzten Augen". Am Strand von Benidorm an der Costa Blanca stapeln sich die Dahingeworfenen des Massentourismus. Und auf Hiddensee, in spröder norddeutscher Landschaft, gibt sich die Autorin dem Spiel von Einsamkeits- und Sehnsuchtsglück hin:

Am Morgen darauf, ich muss aufs Festland zurück, gibt die Fährgesellschaft bekannt, dass um halb acht noch ein Schiff ablegt, danach wird es zu gefährlich auf See. Ein kurzes Zögern. Ich könnte so tun, als hätte ich es nicht gehört, dann müsste ich auf unbestimmte Zeit bleiben, mich für eine Weile einrichten auf dieser Insel am Rande der Welt und der Glückseligkeit. Was für eine verführerische Vorstellung! Doch dann siegt die Vernunft… Leseprobe

...und gebietet Bettina Baltschev, dieses schöne Buch zu schreiben. Jetzt ist es da, und man richtet sich darin ein, als wäre hier das Zentrum der Glückseligkeit.

Am Rande der Glückseligkeit. Über den Strand

von Bettina Baltschev
Seitenzahl:
280 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Berenberg
Bestellnummer:
978-3-946334-85-9
Preis:
25,00 €

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