Wolfgang Schorlau: "Kreuzberg Blues" © Kiepenheuer & Witsch

Wolfgang Schorlaus neuer Dengler-Krimi: "Kreuzberg Blues"

Stand: 12.11.2020 18:02 Uhr

Privatdetektiv Georg Dengler ist eine der wenigen Figuren, die in den politischen Romanen von Wolfgang Schorlau ein großes Publikum erreichen.

von Stefan Maelck

Gerade ist der zehnte Fall für Georg Dengler erschienen: Kreuzberg Blues. Denglers Freundin, die Hackerin Olga, bekommt einen Anruf von ihrer alten Freundin Silke. Silke wohnt mit ihrer kleinen Tochter Lena in Berlin-Kreuzberg in einer Wohnung, die entmietet werden soll. Dafür wurden super-aggressive Ratten im Hausflur ausgesetzt, eine hat es in Silkes Wohnung geschafft und der schlafenden Lena die Fingerkuppe abgebissen.

Denglers zehnter Fall spielt in Kreuzberg

Olga beschließt nach Berlin zu fahren, Dengler hat nichts Besseres vor und begleitet sie. Hinter den Ratten steckt vermutlich der Bauunternehmer Kröger, der seit einiger Zeit den Berliner Wohnungsmarkt aufmischt. Dengler ist schnell dran an Kröger. Dieser bietet ihm überraschend einen Job an - denn die Geschichte mit den Ratten schlägt Wellen in der Presse.

"Wenn ich Krögers Angebot annehme und für ihn arbeite, bleibe ich in seiner Nähe. Ich habe Gelegenheit, ihm in die Karten zu schauen und herauszufinden, ob er für die Attacke auf die kleine Lena verantwortlich ist - oder nicht." Leseprobe

Ermittlungen im Berliner Häuserkampf

Willkommen in der Hauptstadt! Wolfgang Schorlau, bekannt für seine Recherchen und den provokanten Umgang mit den Ergebnissen, lässt seinen Helden diesmal im Milieu des Berliner Häuserkampfes ermitteln. Die Gemengelage ist unübersichtlich: zwischen abgerockten Plattenbauten, schicken Townhouses, Schwarzem Block und türkischer Community muss sich Dengler erst einmal zurecht finden.

Da gibt es die Kröger Immobilien AG, den Konkurrenten Deutsche Eigentum, es gibt die Organisation Fuhrmann, eine Gruppe von Lobbyisten, die mit der Politik in Deutschland nicht einverstanden ist, es gibt jede Menge Kleinkriminelle, die für eine oder gleich für mehrere dieser Gruppen arbeiten und etliche Psychopathen in den Vorständen der Immobilien-Unternehmen.

Schorlau nimmt sich die Zeit, uns die Hintergründe und Biografien dieser vielen Figuren akribisch zu erzählen. Wechselnde Handlungsorte erinnern mitunter an eine Mischung aus Arne Dahl und Dan Brown. Wenn Schorlau die Unternehmens-Struktur der "Deutsche Eigentum" und ihre Strategien aufblättert, weiß man mitunter nicht, ob man ein Sachbuch zur Gentrifizierung oder einen Dengler-Fall in den Händen hält. Zum Glück ist das egal - eines ist so spannend wie das andere.

Ein getarntes politisches Sachbuch und spannender Krimi

Von 2008 bis 2018 stiegen sie in Deutschland um 15 Prozent, überdurchschnittlich in Berlin um 32 Prozent und in Hamburg um 23 Prozent. Bei Neuvermietungen kletterten die Mietpreise in den fünf größten deutschen Städten um durchschnittlich 50 Prozent, in Hamburg 49 Prozent, in Köln 30 Prozent, in Frankfurt 42 Prozent, in Stuttgart 38 Prozent, in München 61 Prozent - und in Berlin um sagenhafte 104 Prozent. Leseprobe

Im Grunde schreibt Wolfgang Schorlau als Krimis getarnte politische Sachbücher, die trotzdem Pageturner sind.

Während Olga versucht herauszufinden, woher die aggressiven Ratten stammen, eine Reise nach Leipzig unternehmen muss und Dengler sich beim Ermitteln gegen die Hunde einer russischen Entmietungsfirmenchefin zur Wehr setzt, wird Corona auch in Deutschland zur Bedrohung. Die Gruppe Fuhrmann bastelt derzeit an der Instrumentalisierung von Corona, um ein deutsches Abdriften nach links zu verhindern.

Infektionen, das wird Fuhrmann bei seiner Recherche schnell klar, sind immer schon ein Quell von Aberglauben aller Art gewesen. Viren sind ein unsichtbarer Feind, sie schlagen scheinbar aus dem Nichts zu, scheinen unerklärlich, und in der vorwissenschaftlichen Zeit haben sie außer Millionen von Toten drei Dinge hervorgebracht: Religionen, Mythen und Sündenböcke. Niemand wusste, dass die Pest von Flöhen übertragen wurde. Stattdessen flehte man Gott an, baute Kirchen und verbrannte Juden. Leseprobe

Das Buch lebt von schnellen Schnitten und liest sich wie für die Verfilmung geschrieben. Der Autor erklärt das im Nachwort, auch, dass ihm der Bruch im Buch bewusst ist, da er das Corona-Geschehen quasi in Echtzeit in den Text aufnahm, während er in Berlin mit Lars Kraume eigentlich an der Filmumsetzung gearbeitet hat, die parallel zum neuen Roman erscheinen sollte.

Schorlaus neues Buch Krimi ist thematisch überladen

Die Krux von "Kreuzberg Blues" ist nicht, dass der Roman etwas überladen ist, sondern der beständig erhobene Indexfinger. Wenn Olga etwa in Leipzig bei einem illegalen Kampf zwischen Ratten und einem Kampfhund landet und die Polizei anruft, um die Ansammlung von Rotlicht und Rechts zu melden, sagt die Beamtin am Telefon:

"Wissen Sie, wie soll ich es sagen, es wäre besser, wenn ich hier eintragen würde, es wären die Bewohner des Stadtteils Connewitz, die das veranstalten. Dann würden die Kollegen das große Besteck auspacken." "Was? Die Bewohner des alternativen Viertels?" "Das würde die Motivation der Einsatzleitung sprungartig steigern." Leseprobe

Warum macht sich Schorlau gemein mit einer radikalen Szene, die die Grenze zwischen Klassenkampf und Kriminalität längst überschritten hat und auch schon mal eine der Gentrifizierung verdächtige Bauunternehmerin zuhause überfällt? Ohne diese überzogene Schwarz-Weiß-Zeichnung hätte Kreuzberg Blues der gegenwärtig beste Krimi zur Lage des Landes werden können.

Kreuzberg Blues

von Wolfgang Schorlau
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-00079-5
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.11.2020 | 12:40 Uhr

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