Christine Wolter im Porträt © Ecco Verlag

Vor 40 Jahren: "Die Alleinseglerin" von Christine Wolter erscheint

Stand: 11.09.2022 00:01 Uhr

Vor 40 Jahren erschien der Roman "Die Alleinseglerin" von Christine Wolter zum ersten Mal im Ost-Berliner Aufbau Verlag. Ein Buch, das eine besondere Geschichte zu erzählen hat.

von Heide Soltau

Als der Roman "Die Alleinseglerin" 1982 erscheint, lebt Christine Wolter bereits in Italien. Ein Wunder und keine Selbstverständlichkeit. DDR-Bürgerinnen und -Bürger wie sie konnten bekanntlich nicht einfach ins westliche Ausland ziehen. Sie mussten einen Ausreiseantrag stellen und hoffen, dass man ihn genehmigte. Viele warteten jahrelang vergeblich darauf.

Liebe war der Grund für Christine Wolter gewesen, die DDR zu verlassen. Die studierte Romanistin, geboren 1939, geschieden und Mutter eines Sohnes, arbeitete als Lektorin, Übersetzerin und Dolmetscherin und hatte sich auf einer Dienstreise nach Italien in einen Mailänder verliebt. Sie wollte heiraten. Aber stimmte das auch? Die DDR-Behörden misstrauten ihr. "Es wurde ja angenommen, dass eine Frau, die einen Ausländer heiratet, das nur tut, um rauszukommen", erklärt die Schriftstellerin heute, mehr als 40 Jahre später. Dementsprechend abfällig wurde sie behandelt.

Ausreiseantrag fiel in die Zeit der Biermann-Geschichte

Wolf Biermann war 1976 nach seinem Konzert in Köln von der DDR ausgebürgert worden. Mehr als 100 Künstler hatten dagegen in einem offenen Brief protestiert und die Staatsführung gebeten, diese Maßnahme zu überdenken. Viele von ihnen waren später mit Berufsverbot bestraft worden und hatten die DDR deshalb verlassen müssen.

Zwei Jahre musste Christine Wolter kämpfen, bis man sie schließlich nach Italien ausreisen ließ. Legal, das war ihr wichtig. Sie wollte ihre Staatsbürgerschaft behalten und nicht wie jene, die in die sogenannte "feindliche" BRD flohen oder ausgebürgert wurden, alle Rechte verlieren und nie mehr zurückkehren können. Mit einem DDR-Pass dagegen und als Italienerin durfte sie problemlos einreisen, musste die Ausreise allerdings jedes Mal wieder erneut beantragen. "Unangenehm waren die Gänge auf das Amt immer", sagt sie, aber damit musste sie sich abfinden, wenn sie ihre Familie besuchen, dort Ferien machen und in der DDR publizieren wollte.

Nie in der ersten Reihe der wichtigsten DDR-Autoren

1962 hatte sie als Lektorin im Aufbau Verlag begonnen und sich mit Herausgaben und Übersetzungen italienischer Literatur einen Namen gemacht. Sie war eine geschätzte Mitarbeiterin und konnte ab 1973 bei Aufbau auch ihre eigenen Bücher veröffentlichen: literarische Reiseberichte über Italien zunächst, dann die Romane "Die Hintergrundsperson" (1979) und "Die Alleinseglerin" (1982) sowie weitere Bücher.

Sie sei regelmäßig "mit ziemlich großen Auflagen verlegt worden", erzählt Christine Wolter, aber sonderlich publik gemacht habe man sie nicht. Vermutlich, weil sie "diese merkwürdige Doppelexistenz" führte und in Italien lebte. Das sei den Behörden in der DDR wohl doch nicht so ganz geheuer gewesen. Selbst die Verfilmung der "Alleinseglerin" 1987 durch die DEFA änderte nichts daran. Wolter erinnert sich an eine Lesung in Jena, organisiert von einer Kulturorganisation von Wissenschaftlern, die wider Erwarten völlig überlaufen war. Offenbar hatte sich herumgesprochen, dass da eine kommt, die in Italien lebt. "Die wollte man einmal lebendig sehen", sagt sie. Aber das sei auch keine offizielle Veranstaltung gewesen.

Doppelexistenz als Lebensthema

Cover des Buches "Die Alleinseglerin" von Christine Wolter © Ecco Verlag
"Die Alleinseglerin" im Ecco Verlag

So wie die Bücher anderer DDR-Autoren und -Autorinnen konnten auch die von Christine Wolter im Westen in Lizenzausgaben erscheinen. "Der Benzinger Verlag war interessiert an mir. Die haben das sehr befördert", erzählt sie. Unter dem Titel "Stückweise leben" brachte er 1980 den Roman "Die Hintergrundsperson" heraus und später unter anderem auch "Die Alleinseglerin". Ein großes Publikum jedoch hätte sie im Westen damals nicht gehabt.

Christine Wolters Romane tragen unverkennbar autobiografische Züge und sind grundiert von ihrer Doppelexistenz als DDR-Italienerin. "Die Hintergrundsperson" zum Beispiel erzählt von einer Dolmetscherin aus Ost-Berlin, die Filmschaffende nach Italien begleitet. "Die Alleinseglerin" handelt von einer jungen Frau, Almut, die von ihrem Vater ein Segelboot geerbt hat und mit viel Mühe um den Erhalt dieses alten Drachen kämpft. Aber, und das ist entscheidend, Christine Wolter rollt die Geschichte aus der Ich-Perspektive Almuts auf, die mit ihrem Sohn in Mailand lebt und ihren Blick zurück auf ihre Vergangenheit richtet.

Kritischer Blick auf Italien

Nicht Italien erscheint als Sehnsuchtsort, sondern das "märkische Hügelland" mit seinen zahlreichen Seen. Die "Rentnerlandschaft", wie Almuts Vater sie gern nannte, eine unspektakuläre Gegend, "leidenschaftslos" mit einer "bescheidenen Dramaturgie". Christine Wolter verklärt den Norden nicht zum verlorenen Paradies, es ist die geschichtsträchtige Heimat ihrer Ich-Erzählerin Almut. In Almut steckt sicher viel von ihr selbst. Mit dem Norden fühlt sie sich innerlich verwachsen, wie sie staunend im fernen Mailand feststellt. "Nach dieser jahreszeitlosen Stadt werde ich nie Heimweh haben. Nach einem Menschen hier ja", heißt es an einer Stelle des Romans.

Christine Wolter blickt kritisch auf Italien. Sie verschweigt nicht, dass es dort Schmutz und Armut gibt, Lärm und Terrorismus, ein großes Thema damals, Anfang der 80er-Jahre. "Ich lebte ja in der Wirklichkeit und war keine Touristin", sagt sie. In der DDR kam das damals gut an und wurde in einer der wenigen Rezensionen zur "Alleinseglerin" besonders hervorgehoben. "Daraus entnahmen sie, dass ich Heimweh nach der DDR habe. Das war die Einstufung, die ich bekam".

Annäherung an den berühmten Vater

In ihrem Roman "Die Alleinseglerin" erzählt Christine Wolter auch die Geschichte einer schwierigen Vater-Tochter-Beziehung. Der Vater, der Almut sein Segelboot vererbt, ist ein bekannter Architekt. Er hat am Bau der sozialistischen Prachtstraße, der Ost-Berliner Stalin-Allee, mitgewirkt (seit 1961 Karl-Marx-Allee) und ist dafür mit dem Staatspreis der DDR geehrt worden. Von dem Preisgeld hat er sich den Drachen gekauft.

Hinter der literarischen Figur verbirgt sich Wolters eigener Vater. Der Architekt Hanns Hopp. geboren 1890 in Lübeck, war ursprünglich an der neuen Sachlichkeit des Bauhauses orientiert, bevor er sich im Nationalsozialismus mit dem Bau von Ein- und Mehrfamilienhäusern über Wasser hielt und in der DDR dann prestigeträchtige Staatsaufträge annahm. Und das bedeutete, bauen, wie von oben gewünscht, im "Zuckerbäckerstil" des 19. Jahrhunderts mit Säulen und viel Zierrat.

Vater-Annäherung meisterhaft erzählt

Für die Ich-Erzählerin Almut hat der Vater damit seine Ideale verraten. Schwerer jedoch wiegt der persönliche Verrat. Er hat die Familie verlassen, als sie elf Jahre alt war. "Das ist für jedes Kind ein großer Bruch und schwer zu akzeptieren", in den 50er-Jahren noch stärker als heute, wo Trennungen gang und gäbe sind. Christine Wolter weiß das aus eigener Erfahrung. Sie hat die Trennung ihrer Eltern ähnlich schmerzhaft erlebt wie ihre Protagonistin Almut. Wie sich diese über das geerbte Boot dem Vater annähert und seine Widersprüchlichkeit zu akzeptieren beginnt, ist meisterhaft erzählt.

"Die Alleinseglerin" ist ein Buch über verpasste Gelegenheiten und verpasste Fragen und die Entdeckung, dass man einen Menschen auch finden kann, wenn er gestorben ist. Die letzte Szene zeigt Almut und ihren Sohn am Müggelsee. "Wir sind angekommen, wir werden wieder aufbrechen. Wir werden Heimweh haben und dafür dankbar sein", heißt es da. Christine Wolter legt ihre Sätze auf die Goldwaage, sie bleiben haften, klingen nach.

Kein Schnell-Lese-Roman

"Die Alleinseglerin" ist kein Roman zum Schnelllesen. Es ist ein reiches, zärtliches Buch über das Segeln und eine Tochter, die sich mit der Arbeit an dem alten Drachen, die immer zu viel ist und nie endet, auch mit dem Vater auseinandersetzt. Er hat ihr mit dem Boot auch die Liebe zur Landschaft, zum Wind und zum Wasser vererbt.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 10.09.2022 | 14:20 Uhr

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