Jenny Erpenbeck schaut ins Publikum © picture alliance / Rainer Justen/dpa-Zentralbild/ZB Foto: Rainer Justen

Uwe-Johnson-Preis 2022: Jenny Erpenbeck für "Kairos" geehrt

Stand: 20.07.2022 06:00 Uhr

In diesem Jahr geht der Uwe-Johnson-Preis an Jenny Erpenbeck für ihren im vergangenen Jahr erschienenen Roman "Kairos". Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert.

von Axel Seitz

U wie Usedom und U wie Uwe-Johnson. Mecklenburg-Vorpommern scheint für Jenny Erpenbeck offensichtlich ein gutes Pflaster zu sein, denn vor drei Jahren erhielt sie bereits den Usedomer Literaturpreis, nun den Uwe-Johnson-Preis für ihrem Roman "Kairos": "Ich wollte schon irgendwann mal, und jetzt bin ich alt genug, darüber schreiben, wie sich für mich der Alltag in der DDR angefühlt hat. Dieser Alltag in den 80ern ist tatsächlich dadurch charakterisiert, dass viele Leute so ins Privatisieren abgeglitten sind, dass sich gesellschaftlich nicht so viel bewegt hat und man auch nicht so genau wusste, wie man aus dieser Art von Stagnation rauskommen soll. Ich glaube, das hat auch dazu geführt, dass sich die Leute kopfüber in so intensive Beziehungen auch reingestürzt haben. Ich wollte eigentlich die DDR ohne Drama erzählen, es ist mir aber nicht gelungen." Das sagte Jenny Erpenbeck im Rahmen der NDR Literaturreihe "Der Norden liest“ im vergangenen November.

Jenny Erpenbeck verknüpft nicht nur zwei Generationen

In "Kairos" trifft die 19-jährige Katharina Ende der 80er-Jahre in Ostberlin zufällig auf Hans, einen verheirateten Mann Mitte fünfzig. Es ist eine Liebe vor dem Hintergrund der untergehenden DDR und dem Umbruch 1989. Die Autorin entschied sich bewusst für diese zwei Generationen: "Diesen Hans eben, der tatsächlich im Faschismus noch seine Kindheit verbracht hat, der sich dann als junger Mensch bei Kriegsende, als er mitkriegt, was da alles so im Faschismus war, sich bewusst für die andere Seite entscheidet und in die DDR kommt. Durch Katharina kommt die ganz andere Prägung ins Buch. Katharina ist tief im Frieden geboren. Sie hat von all den schwierigen Punkten in der DDR-Geschichte, die mehr oder weniger vorher passiert sind, nicht viel mitgekriegt. Dazu kommt, wie unschwer zu erkennen ist, dass Katharina der gleiche Jahrgang ist wie ich. Und, wie auch unschwer zu erkennen ist, ich inzwischen so alt bin wie Hans." 

Jury-Begründung: "Nahtlose Verbindung von Privatem und Öffentlichem"

Jenny Erpenbeck ist mittlerweile 55 Jahre alt, wurde 1967 in Ost-Berlin geboren. 1999 erschien ihr Debüt "Geschichte vom alten Kind". Es folgten unter anderem die Romane "Heimsuchung", "Gehen, ging, gegangen" und zuletzt 2021 "Kairos". Die Jury des Uwe-Johnson-Preises begründete ihre Entscheidung unter anderem so: "Jenny Erpenbeck gelingt eine nahtlose Verbindung von Privatem und Öffentlichem, die zur Folie für einen Roman wird, der sowohl die Ideale des Beginns in den Blick bekommt, wie auch das Scheitern jenes Staates, den Uwe Johnson einmal als 'wünschenswert' bezeichnet hat."

Der mit 20.000 Euro dotierte Uwe-Johnson-Preis wird von der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft, dem Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg und der Berliner Rechtsanwaltskanzlei "Gentz und Partner" alle zwei Jahre verliehen - und zwar im Wechsel mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis, den im vergangenen Jahr Benjamin Quaderer erhielt.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 20.07.2022 | 06:20 Uhr

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