Stand: 21.04.2020 11:31 Uhr

Die Vorzüge des Spazierengehens

von Tobias Wenzel

Seit das Coronavirus die Welt fest im Griff hat, wird uns immer mehr klar, was wir für selbstverständlich gehalten haben, was aber nun eben nicht mehr selbstverständlich ist: zum Beispiel das sorglose Spazierengehen. In Deutschland ist der Spaziergang ja noch, wenn auch mit Einschränkungen, erlaubt. In anderen Ländern und Regionen müssen Menschen aber ganz zu Hause bleiben und auf das Spazierengehen verzichten.

Shane O'Mara: "Das Glück des Gehens" © Rowohlt Verlag GmbH
Der Autor zeigt anschaulich, warum der aufrechte Gang entscheidend für unsere Evolution war und wichtig für den sozialen Zusammenhalt ist.

Ihnen wird vielleicht nun klar, was für ein Glück es ist, wenn man nach draußen gehen kann. "Das Glück des Gehens. Was die Wissenschaft darüber weiß und warum es uns so guttut" heißt das Buch des irischen Neurowissenschaftlers Shane O'Mara, das nun auf Deutsch vorliegt.

O'Maras Buch ist die perfekte Lektüre in Corona-Zeiten, in denen man allein schon wegen der einzuhaltenden Mindestabstände über das Gehen nachdenkt.

Die Pandemie verändert unser Verhalten

"Das ist schon etwas komisch, wenn man dann draußen einen Bogen um eine andere Person macht. Aber seltsamerweise sind die Menschen, die man beim Spazierengehen trifft, jetzt freundlicher. Wir lächeln uns alle an und versichern uns, dass wir nicht rücksichtslos miteinander umgehen", meint der Autor.

Hier zeigt sich, was O'Mara in seinem inspirierenden Buch hervorhebt: die soziale Seite des Gehens. Die hat ihren Ursprung in der Entwicklungsgeschichte des Menschen.

"Wir haben Afrika in Familienverbänden, in kleinen Stammesverbänden verlassen. So haben wir die Welt erobert. Nicht als Einzelgänger mit einem Speer in der Hand, sondern in Gruppen. Wir sind also aufeinander eingestellt, wenn wir uns gehend fortbewegen", erklärt O'Mara.

Das wiederum erklärt folgende wissenschaftliche Erkenntnis: Menschen fühlen sich an fußgängerfreundlichen Orten besonders wohl, also dort, wo es weniger Autofahrer gibt, die sich in ihrem Wagen abkapseln.

Gehen ist wichtig für unsere Gesundheit

Gehen ist auch gut für die Gesundheit, unter anderem weil die für das Immunsystem so wichtigen weißen Blutkörperchen auf diese Weise besser durch den Körper transportiert werden. Gehen fördert außerdem die Kreativität, lernt man aus O'Maras Buch. Geistesblitze kommen einem auch deshalb eher beim Gehen, weil dabei das Gehirn bewegt und angeregt wird. So kam dem irischen Mathematiker Rowan Hamilton beim Spaziergang die Gleichung in den Sinn, die er jahrelang gesucht hatte.

Der Autor erzählt: "Er hat diesen Aha-Moment mit den wunderbaren Worten beschrieben: 'Ein Stromkreis schien sich zu schließen und ein Blitz hindurchzuschießen.' Und da hatte er es!"

Unsere Vorlieben sind evolutionsbiologisch erklärbar

Als Neurowissenschaftler kann Shane O'Mara natürlich einiges dazu sagen, was beim Gehen im Gehirn passiert. Im Buch tut er das zum Glück immer verständlich, außerdem geistreich und unterhaltsam.

Aber warum sind nicht alle Menschen so begeisterte Spaziergänger wie Shane O'Mara, wenn das Gehen doch so viele Vorzüge hat? Das erklärt er evolutionsbiologisch: Wir müssen im Gegensatz zu unseren Vorfahren, den Jägern, nicht mehr große Strecken zurücklegen, um an Nahrung zu gelangen: Die Pizza liegt griffbereit im Tiefkühlfach und der Fernsehsessel ist allzu bequem.

"Ich bringe oft Menschen zum Lächeln, indem ich ihnen folgende Frage stelle: 'Von uns gibt es sieben oder acht Milliarden auf diesem Planeten. Und wie viele Stühle gibt es?' Vielleicht gibt es auf der Welt 50 Milliarden Stühle. Anders gesagt: Wir sitzen also gerne."

Praktische Tipps für den Alltag

Allerdings scheint die Corona-Krise mit Quarantäne und Ausgangssperren dazu zu führen, dass der Mensch das Gehen wieder zu schätzen lernt, findet O'Mara:

"Wenn wir zu Hause eingeschlossen sind, zahlen wir für die fehlende Bewegung einen Preis. Mein Rat ist: Wenn wir im Haus festsitzen, suchen wir uns doch einen Ort, an dem wir beim Telefonieren auf- und abgehen! Das kann zum Beispiel ein Flur sein oder die Diagonale eines Raums. Auch wenn es nur zwei oder drei Meter sind, bewegen Sie sich!"

Nach der Lektüre dieses Buchs wünscht man sich nichts mehr als einen ausgedehnten Spaziergang.

Das Glück des Gehens

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-03579-2
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.04.2020 | 12:40 Uhr

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