Porträt Hanns-Josef Ortheil © dpa picture alliance Foto: Uwe Zucchi

Hanns-Josef Ortheil wird 70: Aufschreiben, um zu existieren

Stand: 05.11.2021 00:01 Uhr

Hanns-Josef Ortheil feiert heute seinen 70. Geburtstag. Der Hildesheimer Schreiblehrer ist einer der beliebtesten deutschen Gegenwarts-Autoren. Sein bedeutendster Roman: "Erfindung des Lebens".

von Alexander Solloch

Ein Jüngling gibt den Virtuosen. Gerade 20 Jahre alt, fegt er über die Tasten, als könnte nichts klarer und natürlicher sein. Sein ganzes Leben ist bestimmt für das Klavierspiel. Ein Freund des jungen Mannes hält einen Kassettenrecorder mit Mikrophon in den Sendesaal des Hessischen Rundfunks - es ist eine der wenigen verbliebenen Aufnahmen vom angehenden Star-Pianisten.

Kurze Zeit später ist alles vorbei. Eine Sehnenscheidenentzündung zerstört seinen großen Traum: Hanns-Josef Ortheil wird kein Musiker werden. Er muss sich auf die Suche nach einer abermaligen Rettung machen, so wie 15 Jahre zuvor die Musik seine Rettung ist. Mag Ortheil auch behütet und geliebt aufwachsen: Seine frühen Jahre sind doch beherrscht von Angst und Sprachlosigkeit. Bis der kleine Junge Schutz findet.

Ortheils Brüder haben den Krieg nicht überlebt

"Ich hatte immer das Gefühl, in einem völlig geborgenen Raum zu sitzen, wenn ich am Klavier sitze, während ich als Kind draußen, auf den Straßen und überall sonst, furchtbare Angst ausgestanden habe, völlig übertrieben. Aber das Klavier war sozusagen immer der Raum der Nähe und des Vertrauten", erinnert sich Ortheil. Vor welchen Anfechtungen bietet das Klavier ihm solchen Schutz? Es ist eine düstere Geschichte: Hanns-Josef Ortheil hat vier ältere Brüder - keiner von ihnen hat den Krieg beziehungsweise die unmittelbare Nachkriegszeit überlebt. Die Mutter ist in ihrem Schmerz verstummt.

Und so schweigt auch der kleine Junge. Abends schreibt er Wörter in sein Notizbuch, Unmengen an Wörtern, die er am Tage gelernt hat. Sein Vater durchwandert mit ihm das Rheinland, gibt allem einen Namen: sieh mal, Hanns, das ist ein Kieselstein; eine Erle; ein Rabe. Er ist sieben, als bei Tisch alles aus ihm herausbricht.

Noch heute blickt Ortheil staunend auf den Jungen, der er einst war. "Er spricht keine vernünftigen Sätze, er redet nicht seine Umgebung an, sondern er inszeniert einen Auftritt", sagt der Autor. "Er beginnt, das Vokabular aufzusagen, das er im Kopf hat: da ist eine Schüssel, da ist ein Suppenlöffel." Er habe plötzlich gespürt: "Ich kann mit Texten ähnlich auftreten wie mit Musik. Und Sprache hat auch einen bestimmten Rhythmus. Ich benutze sie nicht nur pragmatisch, sondern ich benutze sie auch als Litanei oder als literarische Komposition!"

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Romane über den Drang des Menschen, einen Platz zu finden

Als viele Jahre später der Traum vom Musikerleben platzt, weiß der junge Mann seine Verbitterung zunächst kaum zu kontrollieren. Dann zwingt er sich, die Eigenschaften des schweigsamen Kindes endlich abzulegen und aus dem Kokon der Musik ins Freie zu treten. Er wird Schriftsteller, später sogar - als sei das nicht schon Bühne genug - Schreiblehrer an der Universität Hildesheim, prägend für Generationen junger Autorinnen und Autoren. "Ich glaube nicht, dass das in meinem Fall irgendeine Art von Ersatzhandlung ist, sondern dass es wirklich ganz primär mit meiner Kindheit und Jugend zu tun hat. Wenn ich allein sehe, was ich in meinem Leben fast täglich notiert habe - das sind ja zigtausend Seiten", reflektiert Ortheil.

Ein gewisser Teil davon ist zu unserem Glück veröffentlicht: "Die geheimen Stunden der Nacht", "Das Kind, das nicht fragte", "Der von den Löwen träumte" - aufregende Romane über den Drang des Menschen, als Einzelner einen Platz im Leben zu finden. Für Ortheil bedeutet dies: "Das ist heute noch mein Vergewisserungsmedium: dass ich aufschreibe, dass ich da bin. Dass ich einfach existiere".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 05.11.2021 | 07:20 Uhr

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