Stand: 18.01.2019 15:03 Uhr

Begegnungen in Berlin

Der traurige Gast
von Matthias Nawrat
Vorgestellt von Jürgen Deppe

Drei Romane hatte der in Polen geborene, seit 1989 in Deutschland und der Schweiz lebende Matthias Nawrat bisher vorzuweisen - sämtlich mit Förderpreisen ausgezeichnet, wie dem Klagenfurter Kelag-Preis, Adelbert-von-Chamisso- oder Bremer Literaturpreis. Nun legt er seinen vierten Roman vor: "Der traurige Gast".

Wer ist der traurige Gast?

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Nawrats Geschichten wirken, als wäre der Erzähler nur Gast in der Welt der anderen, ein Gast ohne großen Erkenntnisgewinn.

Der titelgebende, "Der traurige Gast", wer ist das von all den Figuren, denen der namenlos bleibende Ich-Erzähler im Winter des Weihnachtsmarktattentats in Berlin begegnet? Ist es die alte Architektin Dorota, der wir gleich zu Beginn des Romans begegnen, weil der Erzähler zusammen mit seiner Frau die gemeinsame Wohnung ein bisschen umgestalten will? Von der Fachfrau gibt es dafür weise Worte:  

Eine Wohnung ist für einen Menschen der wichtigste Ort, alles mag sich um einen selbst verändern, aber in der Wohnung sollte man sich alles genau so eingerichtet haben, wie man es braucht und gernhat. Deshalb müssen wir den Umbau mit viel Umsicht angehen. Wir müssen genau überlegen, was Sie im Leben wollen.
Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht genau, was ich im Leben will, sagte ich.
Das ist insofern wichtig, sagte die Architektin, als Sie in Ihrem Leben zufrieden sein sollten.
Ich bin zufrieden.
Warum wollen Sie dann einen Wohnungsumbau vornehmen?
Einfach so.
Man macht nichts einfach so.
Man macht, glaube ich, vieles einfach so. Leseprobe

Anderen beim Leben zuschauen und zuhören

Als Leser glaubt man bald auch, dass der Erzähler vieles einfach so macht. Oder auch einfach nichts macht und den anderen nur beim Leben zuschaut, beziehungsweise zuhört. Denn er ist Schriftsteller und leicht als Nawrat selbst zu erkennen: im polnischen Opole geboren, als Kind nach Deutschland gekommen, Studium der Biologie, mittlerweile Autor dreier preisgekrönter Romane, wohnhaft in Berlin.

Er ist einer, der anderen beim Leben zuschaut: der alten Architektin, dem Kind im Hinterhof, dem Kommilitonen Karsten, der jetzt Arzt an der Charité ist. Und das, während er ziellos durch seinen Kiez stromert, in den Stadtteilen Wedding und Gesundbrunnen, gelegentlich auch in Mitte oder Schöneberg. Er schnappt dabei - ganz im Stile eines Flaneurs - Eindrücke auf, meist nicht mehr als Berliner Banalitäten, verfertigt daraus aber tiefschürfende Gedanken:

Es ist erstaunlich, wie das eigene Leben sich im Nachhinein zu einer vollkommen logisch wirkenden Geschichte fügt, die überhaupt als die einzig mögliche erscheint. Dabei hätte sich doch alles in jedem Augenblick in jede beliebige andere Richtung entwickeln können. Die Logik, die Notwendigkeit von Ursache und Wirkung, stülpt jeder nur im Nachhinein über seine Erinnerung, um sich zu schützen, um sich zu beruhigen, um sich von der Freiheit freizusprechen. Leseprobe

Weisheiten wie von einem Abreißkalender

Die Architektin vom Anfang bringt kurzzeitig Verwirrung in Nawrats weitgehend ereignisloses Leben. Erst recht, als die scheinbar so lebenslustige Frau nach ein paar Treffen plötzlich Selbstmord begeht. Warum? Das erfahren wir nicht. Wie wir überhaupt nichts über sie erfahren. Denn genauso unvermittelt, wie sie in dem Roman auftauchte, verschwindet sie auch wieder aus ihm. Was bleibt, sind Weisheiten, wie von einem Abreißkalender:

Schaffe ich es, meine Gegenwart anzunehmen, so bin ich gefeit für die Zukunft, denn die wird sich immer wieder als Gegenwart ihrer Bedrohlichkeit von allein entledigen. Leseprobe

In der Gegenwart, in der wie auf einem Monitor im Hintergrund das Weihnachtsmarktattentat auf dem Breitscheidplatz stattfindet, tauchen dann auch noch der in Berlin gestrandete Rumäne Eli auf und Dariusz, ebenfalls Pole und wie Nawrat in der Stadt ohne Orientierung lebend.

Leben ohne Orientierung

Es fehlen die Landmarken, ein Berg oder so etwas, in alle Richtungen ist nur Himmel. Leseprobe

Nawrat und Dariusz lernen sich bei einem Aushilfsjob in einer Tankstelle kennen. Während Nawrat den Job macht, weil er nichts Besseres mit sich anzufangen weiß, ist der frühere Mediziner Dariusz am untersten Ende der sozialen Leiter angekommen und braucht das Geld. Abende lang erzählt er dem Schriftsteller von seinem wechselvollen und teils dramatischen Leben.

Aber so wenig es bei Nawrat etwas zu bewegen scheint, so wenig bewegt es den Leser: Es lässt eigentümlich kalt. Die Schilderungen bleiben Geschichten aus zweiter, dritter Hand und ziehen sich in die Länge. Es wirkt, als wäre der Erzähler nur Gast in der Welt der anderen, ein Gast ohne großen Erkenntnisgewinn, ein trauriger Gast.

Der traurige Gast

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-04704-7
Preis:
22,00 €

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