Stand: 27.11.2019 15:23 Uhr

Der Tod steht in den Sternen

von Lisa Kreißler
Olga Tokarczuk: "Gesang der Fledermäuse" (Cover) © Kampa
Eine schrullige Dorfbewohnerin, die an Horoskope glaubt, ermittelt in einem Todesfall.

Nach der Bekanntgabe der Literaturnobelpreise im Oktober war die Aufregung groß. Laut und emotional wurde darüber diskutiert, ob Peter Handke mit seiner Haltung zum Jugoslawienkrieg ein zulässiger Kandidat für den Preis sei oder nicht. Olga Tokarczuk, der der Preis nachträglich für das Jahr 2018 zuerkannt worden war, geriet in den Hintergrund. Der Kampa-Verlag veröffentlicht einige ihrer Bücher noch einmal neu in deutscher Sprache. Einer davon ist "Der Gesang der Fledermäuse".

Die Polizei könnte sich sehr viel Arbeit ersparen, wenn sie doch nur mehr an Horoskope glauben würde. Denn die Planetenkonstellationen verraten nicht nur etwas über den Charakter eines Menschen oder seine Erfolgsquote in der Liebe, ganz konkret lassen sich dadurch auch der Todeszeitpunkt und sogar die Todesart bestimmen.

Das ist zumindest die Meinung von Janina Duszejko, einer alten Frau, die im Niemandsland der polnisch-tschechischen Grenze im Winter die Ferienhäuser der Städter bewacht. Eines Nachts findet sie gemeinsam mit ihrem verschwiegenen Nachbarn Matoga den Jäger Bigfoot tot in seiner Hütte auf. Die einzigen Zeugen des Unglücks: zwei Rehe.

Die Rehe standen fast bis zum Bauch im Schnee. Sie sahen uns ruhig an, als hätten wir sie bei der Ausübung eines Rituals angetroffen, dessen Sinn sich uns nicht erschließen konnte. Leseprobe

"Der Gesang der Fledermäuse": Aufwallendes Spektakel

Damit sind die Fährten für das aufwallende Spektakel in Olga Tokarczuks Roman gelegt. Bald kommen noch mehr Menschen zu Tode. Alle stehen sie in irgendeiner Weise in Verbindung zur Jagd, die in der Gegend mit ungebändigter Brutalität zelebriert wird. Die Ermittlungen der Polizei schleppen sich mühsam voran. Janina Duszejko hingegen ist den Tätern längst auf der Spur. In einem Brief erklärt sie den Beamten, dass in der Geschichte der Justiz nicht selten auch Tiere vor Gericht standen.

Den berühmtesten Prozess gab es in Frankreich, das war im Jahr 1521 der Prozess gegen die Ratten, die viel Zerstörung angerichtet hatten. Sie wurden von den Einwohnern angeklagt, ihr Rechtsvertreter war ein findiger Advokat namens Bartolomeo Chassenee. Als seine Klienten zur ersten Verhandlung nicht erschienen, plädierte Chassenee dafür, dass der Termin vertagt wurde. Leseprobe

Olga Tokarczuk besitzt Empathie für Menschen

In einem Interview hat Olga Tokarczuk die Triebkräfte ihres Schreibens einmal folgendermaßen zusammengefasst: Neugierde, Beweglichkeit und die Suche nach Bedeutung. Diese drei Flammen befeuern auch die Erzählung in "Der Gesang der Fledermäuse". Hinzu kommt eine ergreifende Empathie für die Menschen, die unbeachtet ihr einfaches Leben in dem kleinen Örtchen an der Grenze führen. Wenn Janina zum Beispiel ihre Freundin Buena Noticia, die Inhaberin des Second-Hand-Geschäfts, anschaut, ruft sie dabei auch die große Frage der Menschheitsgeschichte auf.

Beim Ansehen mancher Personen schnürt sich einem die Kehle zusammen und Tränen der Rührung steigen in die Augen. Diese Personen wirken so, als trügen sie mehr Erinnerung an unsere frühere Unschuld in sich, als seien sie eine Laune der Natur und als seien sie nicht ganz und gar vom Niedergang vernichtet. Leseprobe

Eine weitere wichtige Protagonistin in diesem Roman ist die Natur. Die Landschaft ist ebenso verletzlich wie die Tiere. An beidem vergehen sich die Menschen hemmungslos. Janina Duszejko protestiert dagegen mit all ihren Mitteln. Durch ihr neugieriges Auge zieht sie den Leser hinein in einen irren Trip durch das Soziogramm der polnischen Gemeinde.

Origineller Ideenreichtum

Olga Tokarczuk entfaltet ihren Krimi mit Hingabe zur Intuition. Immer ahnt man den nächsten Schritt, ohne ihn zu verstehen, und freut sich dann über die originellen Enthüllungsmechanismen. Man muss einfach staunen über den Ideenreichtum dieser Autorin. In beinahe jedem Satz entfaltet sie ein neues Universum. Mal erzählt sie situativ-komisch über den Faschingsball des Pilzsammlervereins "Der Steinpilz", dann fliegt einem schon eine Astrokitsch-Version der Schöpfungsgeschichte um die Ohren.

Direkt vor dem Aufprall stößt er sich noch kurz an einem kleinen, komischen Planeten, der wie ein hypnotisiertes Kaninchen aussieht, sich nicht um die eigene Achse dreht, sich aber schnell fortbewegt und dabei in die Sonne starrt - das ist der Merkur. Dieser gibt ihm die Stimme, die Fähigkeit zur Kommunikation. Der Funke saust nun noch am Mond vorbei und nimmt etwas Unfassbares mit: die Seele. Leseprobe

Bei aller erzählerischer Potenz durchweht Olga Tokarczuks Geschichte immer ein tiefes Verständnis für die Gefühle ihrer Hauptfigur. Janina Duszejko erinnert uns an eine Möglichkeit, von der wir viel zu selten Gebrauch machen: der Möglichkeit zur Rebellion.

Gesang der Fledermäuse

von
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kampa
Bestellnummer:
978-3-311-10022-5
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 28.11.2019 | 12:40 Uhr

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