Stand: 12.07.2019 17:00 Uhr

25 Jahre Kunstmuseum Wolfsburg

Now Is The Time. Kunstmuseum Wolfsburg. Die Sammlung
von Andreas Beitin und Holger Broeker (Hrsg.)
Vorgestellt von Janek Wiechers

Seit 1994 gibt es das Kunstmuseum Wolfsburg, ein Haus, das sich auf moderne und zeitgenössische Kunst spezialisiert hat. Mit seinen bemerkenswerten Ausstellungen hat das Museum weit über die Region hinaus Besucher angelockt. Es glänzt aber nicht nur mit temporären Schauen, sondern auch mit einer sorgfältig zusammengetragenen und stets wachsenden Sammlung.

Zum "kleinen" Jubiläum eines Vierteljahrhunderts läuft noch bis Ende September die Ausstellung "Now Is The Time" - 25 Jahre Sammlung Kunstmuseum Wolfsburg". Um über das Ende dieser Schau hinaus die eigenen Schätze präsentieren zu können, ist ein dicker Katalog erschienen

Zeitgenössische Künstler und ihre Werke

Es ist ein imposanter Band: groß, dick und schwer, fast drei Kilogramm Gewicht. Mit mehr als 500 Seiten zwischen zwei einfachen Pappdeckeln mit papiergrauen Schnittkanten. Das gibt dem Buch etwas Rohes und Unfertiges - was aber gut zur stets wachsenden Sammlung des Kunstmuseums Wolfsburg passt. Dann das knallbunte Cover des Buches: darauf abstrakte Muster in Blau, Pink und Gelb - der Ausschnitt eines großformatigen Bildes aus dem Kunstmuseum.

"Wir haben uns für ein Werk des vor einigen Jahren tödlich verunglückten luxemburgischen Künstlers Michel Majerus entschieden. Eigentlich ist er Maler, aber wenn man sich das Cover anschaut, hat es ein bisschen dieses Genreübergreifende. Es sieht fast schon aus wie digital komponiert. Ein Cover-Entwurf, der die Vielfalt und die Buntheit der Sammlung widerspiegelt", sagt Museums-Direktor Andreas Beitin.

Die Buchgestaltung ist auf den Inhalt abgestimmt

Dann der Titel: "Now Is The Time. Kunstmuseum Wolfsburg. Die Sammlung". Große, silberne Lettern in Prägedruck verleihen dem Einband etwas Edles und Glamouröses. Der Titel ist auch für den Tastsinn ein Erlebnis: Er verführt dazu, Finger und Handfläche über die erhabenen Buchstaben gleiten zu lassen.

"Da wir ja in einem Metier tätig sind, in dem es auch um Haptik geht, kommt diese geprägte Oberfläche einem so als Handschmeichler entgegen", schwärmt Holger Broeker, Sammlungsleiter des Kunstmuseums Wolfsburg. Er hat den prächtig aufgemachten neuen Katalog zum 25. Jubiläum der Sammlung mitentwickelt, der gerade im renommierten Kunstbuch-Verlag Hatje Cantz erschienen ist. Druckfrisch riecht das Buch intensiv nach Farbe. Auch das ist ein angenehmes physisches Erlebnis.

Der Schwerpunkt liegt auf zeitgenössischen Künstlern

Der Band stellt die rund 100 Künstlerinnen und Künstler aus der Sammlung des Kunstmuseums Wolfsburg vor - darunter Franz Ackermann, Doug Aitken, Carle Andre, Nobuyoshi Araki, Cory Arcangel, John M. Armleder, Katie Armstrong, Richard Artschwager, Awst and Walther, Caroline Bachmann, Stefan Banz, Richard Billingham, Christian Boltanski und Stanley Brouwn. Die Liste liest sich wie ein Who is who der zeitgenössischen Kunst der vergangenen Jahrzehnte. Gesammelt wird im Kunstmuseum Wolfsburg ab dem Stichjahr 1968.

Mehr als 700 Werke hat das Kunstmuseum Wolfsburg in den 25 Jahren seines Bestehens gesammelt. Der neue Bildband dokumentiert zum einen die derzeitige Jubiläumsschau, beschäftigt sich zum anderen aber auch damit, was von den jeweiligen Künstlern noch in der Sammlung schlummert. "Es handelt sich dabei in vielen Fällen um Haupt- und Schlüsselwerke der global agierenden Künstlerinnen und Künstler", sagt Kurator Holger Broeker. "Der Hauptteil des Kataloges ist den Werken der Künstlerinnen und Künstler selbst gewidmet. Der Katalog schließt mit einem Gesamtverzeichnis des Sammlungsbestandes."

Fast ein Nachschlagewerk zu aktueller Kunst

Der 500 Seiten starke Katalog ist wie ein enzyklopädisches Nachschlagewerk zu verstehen. Nach einem Vorwort des Direktors Beitin und einer Einführung in die Sammlung schließt sich ein Essay zur Entwicklung der Sammlung an. Jeder Künstler wird zunächst durch ein Zitat eingeführt, das sich entweder auf eines der Werke oder auf deren künstlerische Haltung bezieht.

Bei dem Fotojournalisten Robert Lebeck etwa klingt das entsprechend sachlich: "Ich wollte immer sofort raufdrücken können, wenn ich einen spannenden Moment entdeckte. Ich nenne diese Arbeit 'direkte Fotografie', weil sie das Leben so direkt, so unmittelbar wie möglich einfängt."

Der Katalog macht die Unterschiede künstlerischen Arbeitens eindrucksvoll deutlich. Die bulgarische Konzept-Künstlerin Mariana Vassileva beschreibt darin ihre Arbeit auf wesentlich poetischere Weise: "Wenn ich eine Idee habe, habe ich ein Haus und ein Boot. Und gleichzeitig bin ich der Fluss und der Wind, sie schaukeln mich, lassen mich zerbrechen, bewegen mich vorwärts, bringen mich der Zerstörung näher - aber ich habe ein Zuhause."

Essays ergänzen die Künstlerzitate

Ergänzt werden die Künstlerzitate durch kurze Essays - verfasst von fast 100 renommierten Kunstexperten aus aller Welt - Kulturjournalisten, Kuratorinnen, Museumsleuten. Sie geben detaillierter Einblick in die Werke und das Schaffen der Künstler aus der Wolfsburger Sammlung.

"So hat beispielsweise Chrissie Iles, die Videokuratotin am Whitney Museum, über die Arbeiten von Gary Hill geschrieben", erklärt Sammlungsleiter Broeker. "Edith Devaney, Kuratorin der Royal Academy of Arts in London über Anselm Kiefer, der Sammler Christian Boros über Elisabeth Peyton und Keith Hartley von den National Galleries of Scotland über Douglas Gordons Arbeiten."

Insgesamt ist der Textanteil im Katalog aber klein. Das Buch setzt den Schwerpunkt auf die Fotografien. Das sind zum einen großformatige Installationsaufnahmen der aktuellen Jubiläumsschau. Zum anderen Fotografien, die die Ausstellungssituation früherer Museumspräsentationen zeigen. Hinzu kommen zahlreiche kleinere Abbildungen der Kunstwerke, der jeweiligen Künstler.

Der Katalog reizt zum Schmökern

Insgesamt enthält der Band mehr als 800 Fotos. Ein klarer, ansprechender Aufbau, keine Textwüsten, viele Fotos. Es macht Freude, in dem dicken Katalog zu schmökern und auf anregende Entdeckungsreise durch die Sammlung des Kunstmuseums Wolfsburg zu gehen.

"Ein Layout, das die Lektüre eines solchen umfangreichen Werkes erleichtert. Ich persönlich finde es recht nervig, wenn ich eine Lupe brauche, um längere Passagen lesen zu müssen", sagt Broeker, der auch Mitherausgeber des Kataloges ist. "Insofern ist das recht glücklich gelöst, um sich inspirieren zu lassen."  

Vielleicht etwas weniger glücklich dürfte hingegen der Preis des Buches machen. 48 Euro sind im Museumsshop veranschlagt; im Buchhandel müssen 60 Euro auf den Tisch gelegt werden. Dafür bekommt man aber ein ebenso informatives wie ansprechenden Buch - und gut im Bücherregal macht es sich wegen der glamourösen Aufmachung außerdem.

Now Is The Time. Kunstmuseum Wolfsburg. Die Sammlung

von
Seitenzahl:
512 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
840 Abb., gebunden, 23,00 x 31,00 cm
Verlag:
Hatje Cantz
Bestellnummer:
978-3-7757-4529-1
Preis:
60,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 14.07.2019 | 17:40 Uhr

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