Stand: 06.12.2019 14:42 Uhr

Kermani: "Es geht darum, Denkanstöße zu geben"

von Heide Soltau

Der Schriftsteller Navid Kermani gehört längst zu den führenden Intellektuellen in Deutschland. Der Sohn iranischer Einwanderer, Muslim und habilitierter Orientalist schreibt nicht nur anregende Bücher, darunter "Ungläubiges Staunen", seine Betrachtungen des Christentums. Kermani ist auch ein Meister der Rede. Am Donnerstagabend sprach er im Hamburger Thalia Theater über sein neues Buch "Morgen ist da", in dem einige seiner wichtigen Reden abgedruckt sind. Ein Bericht über den Abend.

Der Schriftsteller Navid Kermani. © dpa
Schriftsteller Navid Kermani hat seit 2012 eine Verbindung zum Thalia Theater Hamburg.

Das Hamburger Thalia Theater ist zu Recht stolz auf die enge Zusammenarbeit mit Navid Kermani. Dort hielt dieser 2012 eine bemerkenswerte Rede zur Eröffnung der "Lessingtage", die auch in dessen Buch "Morgen ist da" abgedruckt ist. Intendant Joachim Lux nannte Navid Kermani in seiner Begrüßung einen "Patrioten besonderer Art": "In dem einzigen Sinn, in dem dieses Wort überhaupt noch Sinn macht. Denn sein Patriotismus gilt keinem Land, sondern dem Vater- oder Mutterland der Freiheit", so Lux.

Kermanis gedankliche Ausflüge können verstörend sein

Navid Kermani öffnet mit seinen Reden Horizonte und Herzen. Seine Kunst besteht darin, die Erwartungshaltung des Publikums zu unterlaufen. Er fordert es, indem er es zu gedanklichen Ausflügen einlädt, die durchaus unbequem und verstörend sein können. Sei es im Bundestag zum 65. Jahrestag der Verkündung des Grundgesetzes, in der Paulskirche, bei der Goethe-Gesellschaft, zum Geburtstag des 1. FC Köln oder, was manche vielleicht erstaunt, auf der Investment-Konferenz der Flossbach von Storch AG in Königswinter. Er hat tatsächlich dort vor Superreichen eine Rede gehalten und verteidigt das. "Die Selbstvergewisserung kann nicht die Aufgabe des Redners sein, sondern es geht immer darum, eine bestimmte Bruchstelle aufzumachen - ob in der Paulskirche oder im Bundestag, diese Erwartung einerseits anzunehmen. Zu wissen, wo ich rede, um sie zu brechen. Die Brüche sind der Punkt, wo sich etwas öffnet, nicht die Bestätigung", erzählt Kermani.

Kermani redet Anlegern ins Gewissen

Navid Kermani: "Morgen ist da - Reden" (Cover) © C.H: Beck
"Morgen ist da": Im neuen Sachbuch Navid Kermanis sind seine Reden der vergangenen 20 Jahre enthalten.

Kermani hat sich mit den Kapitalmarktberichten des Unternehmens auseinandersetzt. Indien wird von der Flossbach AG als wachsende Volkswirtschaft bewertet, günstig für die Anleger. Er erklärt in seiner Rede, was dabei alles ausgeblendet wird: die Ausbeutung des Bodens, die Verelendung der Bauern, die beispiellose Suizidrate der Landbevölkerung, die Gewalt der hindunationalistischen Regierung. "Schauen Sie nicht nur auf Aktienindizes, Wertentwicklung und Bruttoinlandsprodukt: Schauen Sie in die Augen Ihres Kindes", bittet er die Vorstände und Anlegerinnen und Anleger. "Denken Sie umfassender als andere Geldinstitute darüber nach, was eine gute Anklage ist." Nach seiner Rede sei viel diskutiert worden und er stehe weiter mit der Flossbach von Storch AG in Kontakt, erzählte Kermani. Auch kleine Schritte könnten Schritte der Veränderung sein. Denkanstöße geben, darum gehe es. Nicht vor dem Elend die Augen verschließen.

Die Schauspielerin Barbara Nüsse las gestern die Trauerrede, die Navid Kermani zum Tod von Rupert Neudeck 2016 gehalten hat, dem Mitbegründer der Organisation Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte. Einen Heiligen nannte er diesen.

"'Gott lastet keiner Seele mehr auf, als sie tragen kann', heißt es im Koran, Sure 2,286. Und doch kann dieser Vers nur wahr sein, weil einzelne Menschen mehr tragen können als wir. (…) Es brauchte zu allen Zeiten einzelne Menschen, die alles geben." Aus der Trauerrede Kermanis für Rupert Neudeck, 2016, im Buch S. 216

So einer sei Rupert Neudeck gewesen. Kermani überzeugt, weil er sich selbst nicht über andere erhebt, sondern die eigenen Unzulänglichkeiten nicht unter den Teppich kehrt. "Morgen ist da", nennt er das Buch mit Reden aus den vergangenen 20 Jahren.

Buchtitels als Hommage an Buchhändler Özerturgut

Der kryptische Titel verweist auf den Kölner Buchhändler Ömer Özerturgut, über den Navid Kermani 28 Jahre lang seine Bücher bezogen hat. Dieser habe schlecht Deutsch gesprochen und auf die Hunderte Mails mit der Bestellung immer mit den drei selben Worten geantwortet: "Morgen ist da".  Ein türkischer Intellektueller mit einem großen Herzen, ein Nachbar, der 2016 starb.

Navid Kermani, der Patriot der Freiheit, musste noch lange signieren. Wer eine andere Seite von ihm kennenlernen will, sollte sich im Thalia Theater den musikalischen Trip: "Die Nacht der von Neil Young Getöteten" ansehen. Eine herrliche Elegie auf den Sänger und Poeten Young.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 06.12.2019 | 07:55 Uhr

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