Buchcover: Mouhanad Khorchide / Walter Homolka - Umdenken! Wie Islam und Judentum unsere Gesellschaft besser machen © Herder Verlag

Wie Islam und Judentum unsere Gesellschaft besser machen

Stand: 28.05.2021 12:18 Uhr

Die Ablehnung von Juden unter Muslimen ist offensichtlich ein Problem in Deutschland. Das wurde kürzlich bei den Demonstrationen deutlich. Umso provozierender klingt erst einmal der Titel eines neuen Buches: "Umdenken! Wie Islam und Judentum unsere Gesellschaft besser machen".

von Ita Niehaus

"Es ist ein Weckruf, nämlich die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, dass unsere Gesellschaft immer pluraler wird und dass wir ein Nebeneinander von Religionen zu einem Miteinander hin entwickeln müssen. Und das geht nur, wenn wir uns ernst nehmen." Das sagt Rabbiner Walter Homolka, Rektor des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam. Gerade Juden und Muslime hätten gute Voraussetzungen dafür, die Gesellschaft in diesem Sinne besser zu machen: "Juden und Muslime sind Mischpoche, da gibt es auch Auf und Abs in jeder Familie. Aber es ist doch unleugbar, dass es auch lange Phasen gab, wo sich Islam und Judentum relativ einträchtig miteinander verhalten haben."

Einheit in der Vielfalt

Rückbesinnung auf die Gemeinsamkeiten von Judentum und Islam - das ist einer der grundlegenden Gedanken dieses Buches. Beide Autoren, Walter Homolka und Mouhanad Khorchide, erläutern ihn ausführlich aus theologischer und religionsgeschichtlicher Sicht. Einheit in der Vielfalt ist für beide das zentrale Motto. Detailliert beschreibt Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie in Münster, dass der Islam auf christlichen und auf jüdischen Traditionen aufbaue: "Das Judentum war die Grundlage für die Verkündigung Mohammeds. Das sieht man damals im siebten Jahrhundert, dass zum Beispiel Moses am stärksten im Koran rezipiert wird."

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"Der Koran kritisiert nicht die Juden"

Auch eines von vielen populären Vorurteilen, nämlich dass Antisemitismus bereits im Koran verankert sei, lässt sich nach Ansicht von Mouhanad Khorchide mithilfe der Schrift selbst widerlegen: Er legt differenziert dar, dass der Koran keine pauschale Kritik und Abwertung von Juden kenne: "Der Koran kritisiert nicht die Juden, sondern das müssen wir im historischen Kontext verorten als eine Auseinandersetzung mit bestimmten politischen Entwicklungen damals."

Homolka und Khorchide sehen gerade darin die Möglichkeit zur Versöhnung. Sie plädieren für ein "Umdenken mit Ausrufezeichen", wie es der Titel des Buches ja fordert. Nicht nur in den Religionsgemeinschaften, auch in der Theologie und in der Gesellschaft. Die Kritik etwa des islamischen Theologen am politischen Islam, aber auch an den großen muslimischen Verbänden in Deutschland fällt sehr deutlich aus. Eine Identitätspolitik, die besage, alle Muslime seien immer Opfer, Nichtmuslime dagegen immer Täter, findet Mouhanad Khorchide gefährlich. Er fordert eine Wertedebatte: "Nicht nur die Frage: Gehört der Islam zu Deutschland, gehören Muslime zu Deutschland? Sondern: Gehört Deutschland zum Islam? Gehören freiheitlich demokratische Werte auch zum Islam? Menschenrechte zum Beispiel."

Mehr Mut zur kritischen Auseinandersetzung

Entscheidend sei, so auch Rabbiner Homolka, dass die Religionen ihren exklusiven Anspruch aufs Heil aufgäben, also die Vorstellung, die eigene Religion sei die einzig richtige und gültige. Doch wie kann so ein Umdenken konkret aussehen?  Wichtig seien viel Raum für Begegnung, in jüdisch-muslimischen Dialoginitiativen etwa, und ein Bildungssystem, in dem Kinder von klein auf "Einheit in der Vielfalt" erleben können. Außerdem: mehr Mut zur kritischen Auseinandersetzung. Ob es nun um den Nahostkonflikt gehe, politischen Islam oder um Islamfeindlichkeit. "Wir brauchen diese Reibungsflächen, um gemeinsam daran zu wachsen", fordert Khorchide. "Ich hoffe, dass Muslime auch Vielfalt akzeptieren."

Das lesenswerte Buch bietet einen spannenden Perspektivenwechsel. Es ist ein anregender Diskussionsbeitrag für alle, die etwas genauer hinschauen möchten, wie es sich denn mit dem Judentum und dem Islam verhält. Und: Was für ein Potenzial in beiden Religionen für unsere Gesellschaft steckt, wenn sie sich nicht nur als Feinde betrachten.

Umdenken! Wie Islam und Judentum unsere Gesellschaft besser machen

Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Herder Verlag
Bestellnummer:
978-3-451-37625-2
Preis:
22,00 €

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