Martin Mosebach: "Krass " © Rowohlt

Martin Mosebach: "Krass"

Stand: 26.01.2021 12:36 Uhr

Martin Mosebach ist ein Schriftsteller, der nicht nur durch seine Äußerungen, beispielsweise zur katholischen Kirche, sondern auch durch sein Werk polarisiert.

von Katja Weise

Manch einem gilt er als "Reaktionär", nicht alle mögen seinen opulenten, eleganten Stil. So gab es auch Diskussionen, als er 2007 den Georg-Büchner-Preis erhielt, den wohl wichtigsten deutschen Literaturpreis. Jetzt erscheint ein neuer Roman: "Krass".

Ralph Krass ist ein Mann mit einem "Hofstaat"

Krass, mit Vornamen Ralph, ist ein mächtiger Mann, einschüchternd, pompös. So jedenfalls beschreibt ihn Herr Dr. Jüngel, klein gewachsen, zu nervösen Schweißausbrüchen neigend. Er ist der magere Mann für alles - Herrn Krass rund um die Uhr zu Diensten und ein genauer Beobachter:

"Ein Mensch, der sich seiner selbst nicht völlig sicher ist, ist meiner Erfahrung nach, vielleicht bezieht sich das ja auch auf mich selbst, geneigt, andere schärfer zu beobachten, Zeichen wahrzunehmen, sie unter die Lupe zu nehmen. Natürlich aus seinen Befürchtungen heraus, aus seinen Ängsten, sich ständig angegriffen zu fühlen", so beschreibt ihn der Autor.

Jüngel berichtet zunächst von einer Reise nach Neapel, 1988, auf der Krass begleitet wird von einer bizarren Gruppe. Deren Mitglieder, darunter ein Chefarzt nebst Gattin, ein zwielichtiger "Geschäftsfreund" und ein alter italienischer Cavaliere, scheinen alle auf nicht näher beschriebene Weise mit Krass' undurchsichtigen Geschäften verbunden zu sein. Der jedenfalls kommt für alle Kosten auf, die Mitreisenden umschwärmen ihn wie ein Hofstaat.

Bunte Ansammlung von Persönlichkeiten

Seine Gäste vergaßen nicht, dass sie in seiner Gegenwart ein Schaugespräch zu führen hatten, als sei er ein Monarch des Mittelalters, der Gelehrte vor seinem Thron disputieren ließ, ohne selbst das Wort zu ergreifen. Leseprobe

In Neapel stößt die junge Belgierin Lidewine dazu, Krass engagiert sie als seine ständige Begleiterin. Für den Service gibt es reichlich Geld und Geschenke, Sex hingegen schließt er aus. Doch anders als der "Hofstaat" lässt Lidewine sich nicht einschüchtern. Sie ist - neben Krass - die zweite Hauptfigur des Romans. Scheint er kaum etwas dem Zufall überlassen zu wollen, gleitet sie förmlich durchs Leben, spontan, ohne Plan:

Ihre Neugier galt dem Augenblick. Sieh' da! Da blitzt was auf! Etwas Heiteres, Komisches, zum Träumen Anregendes. Wäre es nicht undankbar, sich nicht damit zu beschäftigen? Leseprobe

Das Motiv des Spiegels und der Spiegelung ist zentral in dem Roman und taucht auch direkt auf. Eine Bachstelze verliebt sich in ihr Spiegelbild, in dem berühmten Alexandermosaik in Pompeji entdeckt Jüngel einen Mann, der sich beim Sterben zusieht: Sein Gesicht spiegelt sich in seinem blanken Schild.

Der dreiteilige Roman ist etwas unübersichtlich

Zu einem großen Roman gehöre eine gewisse "Unübersichtlichkeit", hat Martin Mosebach einmal gesagt: Dieser ist mit seinen gut 500 Seiten reich an Geschichten, Verweisen, Personen. Seine drei Teile spielen in drei Ländern, in drei Zeiten: 1988, 1989 und im Jahr 2008. In Kairo lässt Mosebach Lidewine, Jüngel und Krass schließlich wieder zusammentreffen. Jüngel ist Professor geworden, Lidewine Galeristin, Krass hingegen ist pleite, träumt aber weiter von Geschäften:

"Eigentlich enthält er in einer krasseren Weise etwas, was wir alle haben. Wir sind weitgehend nicht imstande, die Welt unserer Vorstellungen zu verlassen, unserer idealen Vorstellung von uns selbst. Also von daher gesehen ist er, obwohl er eine groteske Figur ist, in vielem auch einer, der etwas hat, was alle Menschen haben", erklärt Mosebach.

Mosebach schreibt elegant und ausladend

"Krass" ist auch das Porträt einer übersättigten, bürgerlichen Gesellschaft, ein Geschichten- und Geschichtsroman. Es geht um Kontinuitäten, um das, was bleibt, was immer wieder kommt, und auch um die Liebe, allzu oft Verheißung und Verhängnis. Von all dem schreibt Mosebach elegant und manchmal etwas zu ausladend, gleichzeitig präzise und mit Sinn für Ironie:

Der Autor sagt: "Mein Ideal ist eine durchsichtige Sprache, eine Sprache, die vor allem Bilder beschwört. Ich möchte eigentlich gar nicht so sehr, dass dem Leser die Sprache besonders auffällt, sondern dass sie so wie eine Glasscheibe ist, durch die er Bilder sieht."

Die zu sehen braucht es Zeit, doch es lohnt, mit Martin Mosebach und diesen krassen Geschichten gedanklich auf Reisen zu gehen. Gerne auch in Etappen.

Krass

von Martin Mosebach
Seitenzahl:
528 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-04541-8
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 27.01.2021 | 12:40 Uhr

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