Stand: 20.03.2019 10:00 Uhr

Die Ausgrabung Babylons

Babel
von Kenah Cusanit
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
Bild vergrößern
Der Hanser Verlag hat bereits die fünfte Auflage des Ende Januar erschienenen Buches ausgeliefert.

Als Daniel Kehlmann im Frühjahr 2005 seinen Roman "Die Vermessung der Welt" veröffentlichte, konnte es der Autor selbst kaum fassen, wie reißend der Absatz schon nach kurzer Zeit war. So einen Fall erleben wir momentan ganz ähnlich mit dem Roman "Babel" von Kenah Cusanit. Zugleich gibt es, genau wie bei Kehlmann, einzelne Stimmen, die überhaupt nicht begeistert sind. Auf der Leipziger Buchmesse steht Kenah Cusanits Roman als einer von fünf zur Wahl für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik.

Die Autorin und der Forscher stammen beide aus Blankenburg

Kenah Cusanit ist 1979 in Blankenburg im Harz geboren, wenngleich sie dann in Berlin aufgewachsen ist und dort Altorientalistik studiert hat. Der Held ihres ersten Romans, der Architekt und Archäologe Robert Koldewey, der das antike Babylon ausgegraben hat, ist 1855 in Blankenburg geboren. Das mag ihr Interesse an diesem Mann, der generell weit weniger bekannt ist als etwa Heinrich Schliemann oder Wilhelm Dörpfeld, befeuert haben: "Die Briefe, die er sich mit seinen Assistenten, mit seinen Kollegen geschrieben hat, die habe ich gelesen. Die gibt es alle noch und sie sind in einem fantastischen Zustand - die Tinte damals war super - und so bin ich ihm nähergekommen", erklärt Cusanit.

Da es ansonsten wenig Gesichertes über Robert Koldewey gibt, hatte die Autorin bei der Charakterisierung theoretisch viel Freiraum: "Koldewey hatte sich auf der eigenen Intuition basierend, damals entschieden, die Grabung an der Nordostecke des Palastes zu beginnen. Dort waren sie sogleich auf das Ischtar-Tor gestoßen, das direkt an den Palast angrenzte, und war unter dem Ischtar-Tor auf die Prozessionsstraße, die man nur weiterverfolgen musste, um aller Wahrscheinlichkeit nach auf weitere wichtige Gebäude zu stoßen."

Kenah Cusanit macht aus dem Mann, der am Euphrat unter Vernachlässigung seiner Gesundheit achtzehn Jahre lang dem Turm von Babel nachgrub - von 1899 bis 1917, als der Einmarsch britischer Truppen in Bagdad seinem Aufenthalt dort ein erzwungenes Ende setzte -, einen kauzigen Menschen mit großer Intuition. Im Roman ist es das Jahr 1913. Die Kriegsgefahr ist schon deutlich spürbar und bei den archäologischen Expeditionen in Vorderasien geht es immer auch um die Rivalität zwischen Engländern, Franzosen und Deutschen.

Ermüdender Schreibstil mit logischen Ungereimtheiten

Archäologie ist für viele von großer Faszination. Wer im Pergamonmuseum das Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße besichtigt hat, wird sich für eine Schilderung der Auffindung und anschließenden Verschiffung ganz bestimmt interessieren. Dennoch sei hier warnend angemerkt, dass der Kenntnisreichtum der Autorin zu sehr ausladenden Sätzen führt, die große Konzentration erfordern. Auf den Einsatz der wörtlichen Rede verzichtet sie gänzlich. Natürlich beherrscht Kenah Cusanit die grammatische Form der indirekten Rede mühelos, aber die erlebnishungrige Leserin kann dann manchmal ein Gähnen nicht unterdrücken.

Auch will es nicht einleuchten, wie es dem 58-jährigen Mann möglich sein soll, eine ganze Flasche Rizinusöl auszutrinken - offenbar seine Methode, eine Blinddarmreizung zu kurieren - und anschließend fröhlich durch sein Grabungsfeld zu hüpfen, übrigens mit Erinnerungen an einen Besuch in Berlin beim Kaiser beschäftigt, aber eigentlich, um der von ihm geschätzten englischen Orientalistin Gertrude Bell entgegenzueilen. Und gerade da, wo die Begegnung dieses Paares unmittelbar bevorsteht, ist die Geschichte völlig überraschend und abrupt zu Ende.

Die wissenschaftlich versierte Autorin hat ihre Quellen geschickt zu einem Tag des Robert Koldewey an seiner Grabungsstätte weiterverarbeitet, aber von literarischem Schöpfergeist ist im Roman "Babel" wenig zu spüren.

Babel

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Carl Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26165-5
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.03.2019 | 12:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Kenah-Cusanit-Babel,cusanit102.html
04:24
NDR Kultur

Tereza Semotamová: "Im Schrank"

22.03.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:55
NDR Kultur

Kenah Cusanit: "Babel"

21.03.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:51
NDR Kultur

Charles Lewinsky: "Der Stotterer"

20.03.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:59
NDR Kultur

Wolf Biermann: "Barbara"

19.03.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:33
NDR Kultur

Albrecht Selge: "Fliegen"

18.03.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur