Karin Kalisa: "Bergsalz" (Cover) © Droemer

Karin Kalisa: "Bergsalz"

Stand: 12.11.2020 11:44 Uhr

Von einer Autorin, deren Buch geliebt wurde, erwartet man ein neues, das in der Stimmung und Erzählhaltung ähnlich sein sollte.

von Annemarie Stoltenberg

Ihre nächsten Bücher erfüllten nicht diese Erwartung, sie waren anders. Mit ihrem neuen Roman "Bergsalz" knüpft Karin Kalisa wieder an die Warmherzigkeit von "Sungs Laden" an.

Es beginnt mit Föhnwetter:  

Dieser Wind, den man sieht, bevor man ihn spürt … Seine Klarheit ist von der Art, die Dinge scharf stellt, bis es schmerzt. Darf Welt so durchsichtig sein?  Leseprobe

Karin Kalisa erzählt von einem Dorf am Fuß der Berge, die zwar in Sichtweite sind, aber doch ein ganzes Stück entfernt. In diesem Dorf leben einige Frauen, die schon verwitwet sind. Man kennt sich in der Nachbarschaft, grüßt einander freundlich, aber bleibt auf Abstand. Bis eines Tages eine der Frauen zur anderen marschiert und um eine Tasse Mehl bittet.  

Aus einem kleinen Gefallen wird eine aktive Gemeinschaft 

Die darum Gefragte weiß sehr wohl, dass ihre Nachbarin, wie alle Menschen im Dorf, wohlsortierte Vorräte im Keller und Küchenschrank verwahrt. Auch verschiedene Mehlsorten, eine für Kuchen, andere für Brot oder Soßen. Zur Not wäre da auch noch Mondamin. Warum ist die Nachbarin also gekommen?  

Die Antwort ist einfach. Weil es unglaublich mühsam ist, nur für eine Person zu kochen und weil man sich besonders beim Kochen für sich allein als Hausfrau noch einsamer fühlt als wohlmöglich zu anderen Gelegenheiten.  

Produktive Ideen entstehen bei den Dorfbewohnerinnen  

Sie lädt die Nachbarin auf einen Kaffee ein und irgendwann zum Essen. Daraus entsteht eine Gegeneinladung. Dann kommt eine zweite Frau dazu und schon nach ein paar Wochen ist es eine ganze Gruppe. Die Tische, die in den Einpersonenhaushalten stehen, müssen immer weiter ausgezogen werden, so wie früher, als noch alle da waren. Auch wenn es nicht einfach ist: 

Wann würde die erste Gereiztheit auftauchen? Der erste schiefe Ton? Die ersten heimlichen Flüche? Zerraufte Haare, weil die Eier und Sahne auf der Quiche nicht stockten oder das Hühnchen im Ofen verbrannte. An einer kleinen Streiterei oder einem unbedachten Wort oder einfach an zu vielen im Alleinsein gepflegten Gewohnheiten, die aneinanderstießen.   Leseprobe

Ein gemeinsames Projekt sorgt für Zusammenhalt 

Aber sie bekommen es hin, diese starken Frauen, allesamt bemerkenswerte Persönlichkeiten, jede auf ihre Weise. Dann überlegen sie, wo man eine größere Küche und mehr Platz bekommen könnte. Mitten im Dorf gab es mal ein Gasthaus, das "Rössle". Das ist im Zustand des halben Verfalls. Geflüchtete sind dort untergebracht und wenn es den Erben des Gebäudes nicht zu teuer gewesen wäre, hätte man es schon abgerissen.  

Die Frauen krempeln die Ärmel hoch und überwinden allerhand Schwierigkeiten, das "Rössle" zur "Offenen Küche" im Dorf zu machen, und zwar mit Esma gemeinsam, die die Geheimnisse der syrischen Küche mitbringt. Natürlich gibt es Gegenwind, Feindseligkeiten, aber: "Nicht zu vergessen das Lachen, das zu Beginn der Arbeiten im Rössle wie eine Woge durchs Dorf spülte."  

Altes Gemäuer mit sozialer Tradition 

Gab es hier nicht früher auch noch einen kleinen Laden, eine Werkstatt, eine Apotheke, eine Krankenstation und einen Treffpunkt mitten im Dorf? All das müsste wieder flott gemacht werden, um die Menschen in Würde hier leben zu lassen.  

In einem der alten Häuser findet sich eine Botschaft von der Bundschuhbewegung im frühen 16. Jahrhundert, als damals das einfache Volk gegen die Obrigkeit revoltierte, weil die Menschen sich schamlos ausgebeutet fühlten. Dieser Geist steckt noch im alten Gemäuer.  

Wie Karin Kalisa sanft und doch realistisch von den großen Chancen erzählt, die in unserer Gesellschaft als Schätze vorhanden sind, ganz ohne Kitsch und Süße, das ist ihre große Kunst. Ein starkes, Hoffnung stiftendes Buch.  

Bergsalz

von Karin Kalisa
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Droemer Knaur
Bestellnummer:
978-3-426-28208-3
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.11.2020 | 12:40 Uhr

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