Stand: 06.02.2019 12:00 Uhr

Wenn kleine Unterschiede riesig werden

Frühling in Utrecht
von Julia Trompeter
Vorgestellt von Alexander Solloch

Sie hat einen poetischen Namen: Julia Trompeter. Erhöht es die Freude nicht sogar, wenn man erfährt, dass sich der Nachname überraschenderweise tatsächlich ganz anders spricht, nämlich mit Betonung auf der ersten Silbe?

Bild vergrößern
Die Autorin arbeitet an der Universität Utrecht. In Utrecht spielt auch ihr neuer Roman.

Sprache und die darin verborgenen Überraschungen beschäftigen Julia Trompeter bislang vor allem als Lyrikerin. Daneben arbeitete die 38-Jährige wissenschaftlich an mehreren Lehrstühlen für Philosophie, zurzeit an der Universität Utrecht. Eben dort, in der viertgrößten Stadt der Niederlande, spielt auch ihr neuer, ihr zweiter Roman: "Frühling in Utrecht". Es geht um die Liebe zur und Verzweiflung an der Sprache, und überhaupt: um Liebe und Verzweiflung.

Der Drang zu fliehen wird übermächtig

Klara muss fliehen. Noch im Moment, in dem ihr das klar wird, spürt sie flau, wie unangemessen dieser Gedanke ist. Fliehen, das tun ja, mit wirklichem Recht und genau in diesem Augenblick, die Millionen Armen, Ausgebombten, vom Kriegstod Bedrohten dieser Welt. Und doch, man kann auch satt sein und gesund - und sich zur Flucht aus dem bisherigen Leben gedrängt sehen. Flucht bedeutet: Hauptsache weg; egal wohin. Zum Beispiel: Utrecht. Irgendwie anders, aber doch nicht zu sehr; irgendwie entfernt, aber doch nicht zu weit.

Ich war ja keine simple Touristin oder romantisierende Auswanderin, sondern aus Berlin hierher geflohen, weil es dort für mich nicht mehr weitergegangen war; weil ich und Hauke, der Mann meines bisherigen Lebens, wenn man so wollte, es voll in den Sand gesetzt hatten. Aber nein, dachte ich, jetzt nicht an Hauke denken. Oder, um es ganz geschmeidig mit Robert Walser zu sagen, davon zuversichtlich später. Leseprobe

Eine Veränderung ist notwendig

Natürlich lässt sich das Gedankenkarussell in Klaras Kopf nicht so einfach abstellen oder bremsen oder in unverfänglichere Richtungen lenken. Sie muss sich ja doch Rechenschaft ablegen: Wie bin ich denn hierhin geraten? Ich, Mitte 30, herausgeschleudert aus einer desolaten, aber stabil desolaten Beziehung, aus einem prekären, aber stabil prekären Geschäftsleben. Wann hatte denn alles angefangen, so schlimm zu werden? Vielleicht damals, vor zwei Jahren, beim Weihnachtsspaziergang am Wannsee?

Ein Reiher hatte ganz still wie ein Teil der Statue auf dem dick zugeschneiten Löwen oberhalb des Sees gestanden, und kurz darauf am Uferpfad, wo die Häuser endeten und nurmehr Wald und Schilf und Wannsee sich aneinanderschmiegten, war noch mehr Stille gewesen, bis auf ein paar verlorene Spaziergänger hier und da. Vielleicht war es die zauberhafte Schönheit der Natur, die sich uns dargeboten hatte, einfach als Geschenk und ohne etwas dafür zu fordern, die mir die Ödnis meiner eigenen Seelenlandschaft umso stärker ins Bewusstsein gerückt hatte. Die Welt war so schön, so reich, so anbetungswürdig, und man selbst als Teil von ihr bisweilen so tot. Leseprobe

Das Leben in Utrecht ist anders als erwartet

Utrecht, nun, so schön. Unaushaltbar schön zunächst; aber dann passiert etwas Geheimnisvolles. Die kulturelle Differenz zwischen Deutschland und den Niederlanden erweist sich als Scheinzwerg: Die Unterschiede zwischen den Sprachen, den Mentalitäten, den Gewohnheiten wirken so belanglos - aber gerade kleinste Unschärfen wachsen sich durch Irritation ins Riesenhafte aus. Utrecht ist so ähnlich und doch ganz anders und könnte eben darum der Anlauf für ein neues Leben werden.

Im Mai, Klara ist nun schon ein halbes Jahr dort, gerät sie in den Moment totalen Stillstands: Die Niederländer begehen "dodenherdenking", den Totengedenktag, und verharren regungslos für die Dauer eines ewigen Augenblicks.

Vielleicht denken ja einige tatsächlich an die vielen Kriegsgefallenen. Vielleicht aber, oder auch ziemlich wahrscheinlich, denken die meisten hier an ihre eigenen Toten, die Alterstoten und die Krebstoten, die Fehlgeburten und Unfalltoten, die Drogen- und Alkoholtoten, die Herzinfarkttoten und Selbstmordtoten, die doch alle in ihrer Familie oder im Freundeskreis zu beweinen haben. Und obwohl ich gar nicht will, merke ich, dass mir eine Träne über die Wange rinnt, aus meinem Auge, das ja auch eine Art Fensterscheibe ist, bloß dass mein Auge kein Ausguck in den Weddinger November, sondern in den Utrechter Mai ist. So also ist das, denke ich, hier im Frühling in Utrecht. Leseprobe

Kein Paradies freilich, bloß ein Pausenhof. Irgendwann ist der Frühling vorbei, und dann wird es weiter gehen mit all den Verliebt- und Verdrossenheiten und Kämpfen und Konflikten. Aber Klara wird, durch die Pause gewitzt, wohl öfter über sie lachen.

Abgehauen, in den Zug gestiegen, irgendwo ausgestiegen, geweint, gegrübelt, sich selbst mal wieder umarmt. Wenn alle das täten! Julia Trompeter bringt ihre hoffentlich vielen Leser auf eine sehr gute Idee.

Frühling in Utrecht

von
Seitenzahl:
264 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Schöffling
Bestellnummer:
978-3-89561-637-2
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.02.2019 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

51:09
NDR Info
03:08
Hallo Niedersachsen