Jonas Hassen Khemiri: "Die Vaterklausel" © Rowohlt

Jonas Hassen Khemiri: "Die Vaterklausel"

Stand: 17.11.2020 12:40 Uhr

Jonas Hassen Khemiri ist einer der erfolgreichsten schwedischen Schriftsteller. Sein Roman "Die Vaterklausel" steht auf der Shortlist des National Book Awards in der Kategorie "Übersetzte Bücher".

von Susanne Birkner

Es gibt drei Hauptpersonen: den Großvater und seine beiden Kinder. Der Großvater ist ein alternder Patriarch, vermutlich arabischer Herkunft, das wird nur angedeutet, ein Verkäufer, der sogar "der Wüste Sand verkaufen könnte", der nicht mehr in Schweden wohnt, aber zweimal im Jahr nach Schweden zurückkommt. Um seine Kinder und Enkel zu sehen, sagt er. Weil er uns vermisst, sagt die Tochter. Weil er eine Menge Steuern zahlen müsste, wenn er mehr als sechs Monate nicht in Schweden lebt, sagt der Sohn.

Ein nützliches Arrangement

"Der Vater ist abhängig von seinen erwachsenen Kindern. Sie regeln alles für ihn. Steuern und Arztbesuche. Insbesondere der Sohn. Das Problem: sie haben das schon so lange gemacht. Der Sohn hat einen mathematischen Verstand und hat genau ausgerechnet: So lange hat der Vater sich um uns gekümmert und jetzt haben wir uns genauso lange um ihn gekümmert. Wir sind quitt", erzählt Jonas Hassen Khemiri im Interview mit Scandinavia House, eine Art schwedische Goethe-Institut in den USA.

Die titelgebende Vaterklausel sieht vor, dass der Sohn sich um den Vater kümmert und ihn in seinem Büro wohnen lässt, wenn er kommt. Sein Vater hat ihm dafür damals seine Wohnung überlassen. Dieses Arrangement will der Sohn nun aufheben. Denn was den Sohn schwer verletzt, ist: Der Vater hat die schwedische Mutter und die Kinder verlassen. Ein Trauma, bis heute. Ständig kämpft er um die Liebe des Vaters. Seine Freundin betrachtet ihn und sieht:

Einen Dreizehnjährigen, der mit neuen Kopfhörern und ein bisschen zu guten Noten ins Jugendzentrum kommt und verzweifelt versucht, seine Angst vor den älteren Jungs zu verbergen. Sie sieht einen Neunzehnjährigen, der schon mehrere Jahre nicht mehr mit seinem Vater gesprochen hat und anfängt Wirtschaft zu studieren, damit er den Vater nicht enttäuscht, wenn oder falls sie den Kontakt wiederaufnehmen. Sie sieht einen Zwanzigjährigen, der mit dem Handy am Ohr über seinen Computer gebeugt sitzt und nach den Anweisungen des Vaters Geld zwischen den Konten hin- und herüberweist, ohne ein einziges Mal zu fragen, warum ihn der Vater nicht zum Geburtstag angerufen hat. Leseprobe

Perspektivwechsel sorgt für Verständnis

Der Sohn will alles besser machen als der Vater. Nimmt lange Elternzeit, ist immer präsent, während seine Freundin voll arbeitet - und gesteht sich nur heimlich ein, wie anstrengend er seine Kinder häufig findet. Man kommt den Menschen außergewöhnlich nah in diesem Buch. Auch durch die Perspektivwechsel.

Die Leser erleben diese eine Familie zehn Tage lang durch die unterschiedlichen Augen des Großvaters, seiner schwedischen Ex-Frau, seiner beiden Kinder, der Freundin des Sohns, sogar der toten ersten Tochter des Großvaters und - und da wird dieses zutiefst mitreißend-tragische Buch sehr witzig - durch die Augen des einjährigen Enkelsohns.

Willst Du, dass ich komme?, fragte Opa. Morgen? Willst du denn kommen?, fragte mein Vater. Ich komme, wenn du willst, dass ich komme, sagte Opa. Ich will, dass du nur kommst, wenn du wirklich kommen willst, sagte mein Vater. Ich saß in meinem Kinderstuhl und kam mir am erwachsensten von allen vor. Leseprobe

Selbst- und Fremdwahrnehmung klaffen auseinander

Die interessantesten Stellen sind die, in denen eine Situation nacheinander aus verschiedenen Blickwinkeln geschildert wird. Selbst- und Fremdwahrnehmung klaffen da enorm auseinander. Aber man bekommt Verständnis für jedes einzelne Familienmitglied.

Auch Jonas Hassen Khemiri, der selbst eine schwedische Mutter und einen tunesischen Vater hat, sagt, er habe seinen Vater erst richtig verstanden, als er sich in diesen Großvater, den Patriarchen, der seinen Sohn so viel kritisiert, hineinversetzt habe beim Schreiben.

"Die Vaterklausel" ist ein tolles Buch über das Eltern werden und Eltern sein, über Familie, Liebe und nicht zuletzt - das Verzeihen.

Die Vaterklausel

von Jonas Hassen Khemiri, aus dem Schwedischen von Ursula Allenstein
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-03583-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.11.2020 | 12:40 Uhr

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