Stand: 25.05.2020 12:26 Uhr  - NDR Kultur

Kontrollverlust über das eigene Leben

Imperia
von Joachim Zelter
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Der 1962 in Freiburg im Breisgau geborene Schriftsteller Joachim Zelter gilt als einer der wenigen, "die sich glücklich schätzen dürfen, von den Worten geliebt zu werden" - so charakterisierte ihn einmal ein Literaturkritiker.

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Zelters Roman wirkt fast wie eine Karikatur von Martin Walsers Romanen.

In seinem neuen Buch "Imperia" variiert er das alte Thema "Des Kaisers neue Kleider" neu.

Joachim Zelter ist hier eine meisterhafte Parabel auf die heutige Gesellschaft und ihre bizarren Fehlleistungen gelungen. Die Geschichte wird praktisch als Kammerduell erzählt. Sie spielt sich hauptsächlich zwischen zwei Personen, einer exaltierten, kapriziösen Professorin und einem Schauspieler in prekärer Lebenslage ab.

Ein erfolgloser Schauspieler gerät an eine despotische Frau

Der Schauspieler versucht mit großer Anstrengung, einen Beckett-Monolog auswendig zu lernen, kommt aber maximal bis Seite 62. Danach geht nichts mehr in seinen Kopf. Aus Angst, als Schauspieler nicht mehr sein Geld verdienen zu können, gibt er eine Anzeige auf und bietet seine Dienste als Begleiter oder Sprechunterrichtslehrer an.

Iphigenie de La Tour, Professorin für Anthropologie, bucht Stunden bei ihm. Sie lädt ihn in ein Hotel zum Essen ein, und eine irrwitzige Zeit für Gregor Schamoni beginnt. Iphigenie wird ihn langsam, aber sicher seelisch auffressen. Sie ist eine wahre Despotin. Sie erinnert Gregor an die Statue der Imperia in der Hafeneinfahrt von Konstanz am Bodensee:

"Ein Ausdruck größter Vornehmheit und Strenge. Eine Aura von Rittergut und Preußentum und Unabweisbarkeit." Leseprobe

Die Professsorin lässt Gregor nicht aus ihren Fängen

Sie ist einer dieser seltenen, aber doch existierenden Menschen, die ihren Porsche bei Parkflächenmangel auch gern mal auf einem Zebrastreifen abstellen. Gregor bekommt bei jeder neuen Verabredung einen großzügig gefüllten Briefumschlag und fühlt sich dabei zunehmend elender.

Immer wieder versucht er, die Sache zu beenden, aber das lässt Frau Professor de La Tour nicht zu. Sie kujoniert auch das Personal in den Sternehotels, in denen sie zu speisen beliebt, nach Noten. Die Kellner müssen Tische decken, umräumen, doch lieber Schatten oder doch lieber Separee, einen Beistelltisch bitte: "Wir haben zu arbeiten." Aussicht auf den Bodensee ist dabei nicht so wichtig:

Ansonsten mied sie den See. Sie bezeichnet ihn als armseliges Geplänkel und Geplätscher, eine Wohnzimmer- und Badewannenwelt, ein Menschengetrippel auf Uferpromenaden, eine Ansammlung von Minigolfanlagen und Gartenzäunen und erbärmlichen Urlaubern, die es zu nichts anderem gebracht hatten und es nie zu etwas anderem bringen würden als zu diesem See. Sie sprach die Wörter Anordnung und Verfügung. Ich ordne an. Ich verfüge. Leseprobe

Gregor will sich ihrem Machtkreis entziehen und schafft es nicht. Iphigenie lässt ihn nicht aus den Klauen. Erst hat sie ihn mit großzügigen Honoraren gekauft, dem hätte er noch entkommen können, aber dann setzt sie psychische Daumenschrauben an. Einmal bittet er sogar einen Freund, sein Handy mit auf eine lange Auslandsreise zu nehmen und nur belanglose Nachrichten an sie zu schicken.

Vieles in diesem Roman erinnert an Martin Walser

Aber sobald er zurückkehrt und Gregor sich wieder meldet, wirft Iphigenie ihre Fangnetze aus. Sie schickt Pia, die den gesamten SMS Wechsel aus dem Handy abtippen soll. Es soll ein Briefband entstehen mit einem Vorwort von Martin Walser. Es ist übrigens erstaunlich, wie sehr Joachim Zelter in diesem Text den Sound der tragikomischen Walser-Figuren verwendet, so ein Bodensee-Parlando, etwa wenn es über Iphigenie und ihren Hofstaat heißt:

Ich bestehe auf mir, ich bestehe auf der Welt, ich bestehe auf der Sonne, ich bestehe auf dem Wetter, ich bestehe auf den Menschen. Ihr Stehen ist ein ständiges Bestehen. Ob sie das nicht sehe. Für alle Welt sichtbar auf den Punkt gebracht. Damit das endlich einmal gezeigt sei, wer Iphigenie in Wahrheit ist.   Leseprobe

Es liest sich fast wie eine Karikatur von Walser. Wer je in die Fänge eines despotischen Menschen geraten ist, wird sich in Gregor Schamoni widerspiegeln. Joachim Zelter zeichnet allerdings das Bild von zwei Menschen, die sich miteinander im Kreis drehen und sich langsam in ihrer je eigenen Einsamkeit auflösen. Das ist urkomisch und tieftraurig.

Imperia

von
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Klöpfer, Narr GmbH
Bestellnummer:
978-3-7496-1017-4
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.05.2020 | 12:40 Uhr

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