Jean-Paul Dubois: "Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise" © dtv

Jean-Paul Dubois' Roman über einen unscheinbaren Hausmeister

Stand: 11.11.2020 09:51 Uhr

Er wurde im vergangenen Jahr mit dem Prix Goncourt, dem wichtigsten französischen Literaturpreis ausgezeichnet: Jean-Pierre Dubois mit seinem Roman "Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise".

von Anna Hartwich

Es ist das vierte Buch, das von ihm auf Deutsch erscheint, zuletzt war es der Roman "Ein deutsches Leben", für den er 2004 mit dem ebenfalls bedeutenden "Prix Fémina" geehrt wurde. Dubois wurde 1950 in Toulouse geboren, studierte Soziologie und war als Journalist tätig, unter anderem als Amerika-Korrespondent des Magazins "Le Nouvel Observateur". Sein neuer Roman spielt in Frankreich, Dänemark und Kanada. Anna Hartwich stellt ihn vor.

Im Gefängnis bleibt viel Zeit zum Nachdenken

Paul Hansen sitzt im Gefängnis. Am Tag der Amtseinführung von Barack Obama zu zwei Jahren Haft verurteilt, teilt er seine Zelle mit dem hünenhaften Patrick Horton, dem Harley-Davidson-Fan, der einen Hells Angels erschossen haben soll. Weshalb Paul Hansen einsitzt - hat er jemanden umgebracht? Daran erinnert er sich nicht mehr, ein Black out. Er, ein unscheinbarer Mann, hat nun viel Zeit, sein Leben Revue passieren zu lassen. Es begann in Toulouse.

Ich erfuhr nie, unter welchen Umständen mein Vater und meine Mutter sich begegnet waren, noch, durch welche Laune des Liebesschicksals es einem in Skagen aus dem Treibsand gezogenen Mann und einer Programmkino-Trappistin im Jahr 1953 gelungen war, die sie trennenden 2.420 Kilometer zu überwinden, über die Sprachbarriere zu springen und sich am Ende über diesen verflucht guten Streich, den sie dem Leben gespielt hatten, mächtig zu freuen. Leseprobe

Die Ehe zwischen dem Pastor und der Atheisten ist nicht von Dauer

Die Leserin wundert sich nicht, dass diese Ehe eines protestantischen Pastors mit fragilem Glauben und einer leidenschaftlichen linken Atheistin das gesellschaftliche Erdbeben nicht übersteht, das die Revolten von 1968 ausgelöst haben. Was ist das für eine Versuchsanordnung? 1975 geht der Vater als Pastor nach Kanada, in das asbestverseuchte Thetford Mines, denn er hat seine Stelle verloren, nachdem seine Frau den Pornofilm "Deep Throat" in ihrem Kino gezeigt hat.

Mit diesem Sprung über den Atlantik wird auf einmal die Welthaltigkeit dieses Romans deutlich, die ihn zu einem farbigen Porträt der Epoche zwischen 1950 und 2010 macht, mit Umweltsünden, historischen Umbrüchen wie dem Unabhägigkeitsreferendum Kanadas sowie nordamerikanischen Auswüchsen des Kapitalismus.

Paul wird Hausmeister in Kanada

Paul folgt seinem Vater nach Kanada. Sechsundzwanzig Jahre lang versieht er den Dienst eines Oberverwalters in einer Wohnanlage mit achtundsechzig Einheiten. Er ist dort "eine Art Concierge mit magischen Kräften".

Faktotum, Krankenpfleger, Beichtvater, Gärtner, Psychologe, Elektroniker, Klempner, Elektriker, Küchenverkäufer, Chemiker, Mechaniker, kurzum: ehrbarer Hausmeister dieses kleinen Tempels, dessen Schlüssel ich fast alle besaß, dessen Geheimnisse ich alle kannte. Leseprobe

Sicher nicht zufällig sind es achtundsechzig Wohneinheiten. Der sanfte Hansen ist der gute Geist dieses Wohnprojekts, das eine gelebte Utopie ist, von Miteinander, Freundlichkeit und Dienst am Nachbarn. Auf Paul Hansen zählen alle, die Alleinstehenden, Alternden, die Einsamen, und er pflegt die Anlagen wie die Bewohner mit der gleichen Hingabe.

Mit einem neuen Vorgesetzten ist das ruhige Leben vorbei

Erzählt im Gefängnis, in der Abgeschlossenheit, fühlt sich dieses Leben an wie ein Garten Eden. Doch ganz wie dieser: vergänglich. Denn als nach fast einem halben Jahrhundert ein neuer Vorsitzender der Eigentümergemeinschaft gewählt wird, kehrt ein neuer, eisiger Ton ein, der Ton des Geldes.

Ich bezahle Sie nicht dafür, dass Sie auf Beerdigungen gehen oder halbe Tage in den Etagen Lebensretter spielen. Ich erinnere Sie daran, dass Ihre Arbeit an der Schwelle zu den Wohnungen endet. Jede Woche zeigen Sie mir eine Aufstellung Ihrer Ausgaben, und wir werden dann sehen, welche wir reduzieren oder ganz einsparen können. Ich möchte, dass dieses Haus vierundzwanzig Stunden am Tag rentabel ist. Leseprobe

Es ist die Ungerechtigkeit, die Paul Hansen zum Äußersten treibt. Doch in der Abgeschiedenheit seiner Zelle macht er seinen Frieden mit allem, was er erlebt hat, mit allem, was ihn zu dem Menschen hat werden lassen, der er ist.

Jean-Paul Dubois hat eine anrührende Hymne auf die Widerständigkeit eines bescheidenen Menschen geschrieben, der entdeckt, dass er der Sohn seines Vaters ist, und dass er trotz aller Verluste, die er in seinem Leben hat hinnehmen müssen, ein wunderbares Leben geführt hat.

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

von Jean-Paul  Dubois, aus dem Französischen von Nathalie Mälzer und Uta Rüenauver
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv
Bestellnummer:
978-3-423-28240-6
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.11.2020 | 12:40 Uhr

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