Buchcover "Der Chauffeur" von Autor Heinrich Steinfest © Piper

Neuer Roman von Heinrich Steinfest: "Der Chauffeur"

Stand: 06.11.2020 13:22 Uhr

"Der Allesforscher", "Die Büglerin" und jetzt "Der Chauffeur" - man könnte meinen, der Österreicher Heinrich Steinfest hätte eine Schwäche für verschiedene Berufe.

von Katja Weise

Das jedenfalls legen die Titel einiger seiner Romane nahe. Was das Genre angeht, ist er nicht festgelegt. Klar ist lediglich, dass etliche ausgezeichnete Kriminalromane zu seinem stetig wachsenden Werk zählen - darunter die um den einarmigen Privatdetektiv Markus Cheng.

Es ist schon merkwürdig, aber merkwürdig ist - das wissen Leserinnen und Leser von Heinrich Steinfest - in seinen Romanen vieles. Da heißt der Mann, der seit Jahren einen wichtigen Politiker durch die Gegend chauffiert, ausgerechnet Paul Klee.

Herausforderungen an die Leser

Das fand ich schon mal sehr ungünstig, weil mit Paul Klee assoziieren wir normalerweise einen bekannten Grafiker und Maler, aber diese Geschichte spielt in unserer Zeit. Ich hätte eigentlich immer gedacht, das ist ein ungünstiger Name, aber ich kann nicht ändern, dass er so heißt, bekennt der Autor.

Auf diese Weise fordert Heinrich Steinfest sich immer wieder selbst heraus, erfindet Haken und ein paar Ösen, um die herum er virtuos und abenteuerlustig seine Geschichtsfäden spannt. Paul Klee jedenfalls ist gezeichnet von den Erfahrungen eines schweren Autounfalls, bei dem ein Kind ums Leben gekommen ist. Das sieht man ihm auch an.

Es war ähnlich wie bei einer Serie von Rissen, die eine gesprungene Scheibe durchziehen. Vielleicht eben beides: Einschränkung und Verstärkung. So wie bei dem berühmten Kunstwerk von Marcel Duchamp mit dem Titel "Das große Glas", bei dem es sich um eine bemalte, zweiteilige Glasplatte handelt, die beim Rücktransport von einer Ausstellung zerbrochen war. Es ist gar keine Frage, dass dieses surrealistische Objekt mit seinen Sprüngen, also den Fehlern, sehr viel besser wirkt als ohne. Leseprobe

Leiden an Schuldgefühlen

Dabei trägt Klee keine direkte Schuld. Hätte er jedoch, statt seinen Dienstherrn zu retten, zunächst nach dem Kind im Nachbarauto geschaut, könnte der Junge noch leben. Es sind diese unauflösbaren Dilemmata, die in fast allen Büchern von Heinrich Steinfest eine zentrale Rolle spielen.

"Es ist etwas, was mir in meinem eigenen Leben auch zugestoßen ist, und ich denke, das ist etwas, was jeder Mensch in der ein oder anderen Form kennt: Dieses, jemanden, nicht gerettet zu haben, nicht im richtigen Moment dagewesen zu sein, etwas als Schuld zu empfinden. Wir empfinden ja auch bei Dingen Schuld, wo uns diese Schuld nicht zugewiesen wird", erklärt Steinfest.

Ein Neuanfang als Hotelier

Der Chauffeur jedenfalls ist gezwungen, seinen Beruf an den Nagel zu hängen. Gleich im ersten Kapitel. Danach geht es rasant weiter: Klee gründet ein kleines, feines Hotel, Partnerin im neuen Beruf und im Leben wird die Immobilienmaklerin, die ihm das Haus vermittelt hat.

Eine Weile geht alles gut. Dann verschwindet ein Gast unter mysteriösen Umständen, ein ehemaliger Kriminalkommissar, der sich mit ungelösten Fällen beschäftigt, und Sputnik II, vor über sechzig Jahren von den Russen ins All geschossen, mit der Hündin Laika an Bord, landet in der Nähe des Hotels auf einer Wiese. Mitsamt Hündin.

Die Gesetze der Wahrscheinlichkeit interessieren den Fabulierer Steinfest nur mäßig, er spinnt seine Geschichten Faden um Faden und behält dabei erstaunlicherweise irgendwie den Überblick. Das muss man mögen, manchmal ist es arg viel, aber der (schwarze) Humor von Steinfest, die Lust an Merkwürdigkeiten hilft.

Schwarzer Humor mit Sinn für das Merkwürdige

Ebenso erschütternd wie komisch beispielsweise ist die Szene, in der der Ex-Chauffeur sein Leben riskiert, weil einer dieser Fahrradanhänger, die oft als Kinderwagen genutzt werden, in einen Fluss gerollt ist.

Sein rechter Arm griff nach der über der Wasserfläche flutenden Luft, wie um sich dort an einem unsichtbaren Haken hochzuziehen. Man kann vielleicht sagen, es wäre leichter gewesen, ein Kind aus dem Wagen zu holen, als das ganze Vehikel zurück an Land zu ziehen. Aber ein Blick in das Innere bestätige die Tatsache, dass kein Mensch und kein Tier sich darin befand. Aber eine Tasche. Eine Damenhandtasche. Rosa Leder. Leseprobe

Das ist Steinfest pur. Davon gibt es eine ganze Menge in diesem Roman, der birst vor Geschichten, bei aller Lust am Skurrilen aber nie seine tragische Grundierung verliert.

Der Chauffeur

von Heinrich Steinfest
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-05867-4
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.11.2020 | 12:40 Uhr

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